New Urbanism- brauchen wir eine neue Stadtbaukunst?

Bau­as­ses­sor Micha­el Sto­jan — Stadt­bau­rat im Dezem­ber 2003

Die Bericht­erstat­tung in zahl­rei­chen Fach­zeit­schrif­ten der letz­ten Mona­te über die­se tra­di­tio­nell und öko­lo­gisch ori­en­tier­te Gestal­tungs­phi­lo­so­phie aus den USA belegt das zuneh­men­de Inter­es­se einer brei­ten Öffent­lich­keit an die­sem The­ma.

Die Grün­dung des „Coun­cil for Euro­pean Urba­nism“ am 6. Novem­ber in Stock­holm soll­te Anlass genug sein, die begon­ne­ne Dis­kus­si­on fort­zu­set­zen. Da die Zie­le des New Urba­nism von vie­len Fach­krei­sen ger­ne mit Bezeich­nun­gen wie „Dis­ney­land“ oder „gated com­mu­nities für den rei­chen Mit­tel­stand“ abge­tan wer­den, möch­te ich mit die­sem Auf­satz zur Ver­sach­li­chung des The­mas bei­tra­gen.

New Urba­nism Pro­jek­te Sea­si­de, Kent­land und Pound­bu­ry

 

Was ist New Urbanism ?

Gegen Ende der 80er Jah­re ist der New Urba­nism in den USA ins­be­son­de­re aus den Agen­da — Dis­kus­sio­nen und öko­lo­gi­schen Bür­ger­initia­ti­ven gegen den sog. Sprawl , den land­schafts­fres­sen­den Sied­lungs­brei her­vor­ge­gan­gen. Bis heu­te hat er sich zu einer lan­des­wei­ten Bewe­gung ent­wi­ckelt, die immer mehr Anhän­ger aus den ver­schie­dens­ten Inter­es­sen­grup­pen fin­det. So tra­fen sich beim Con­gress of New Urba­nism 2003 in New York über 3000 Teil­neh­mer. Wesent­li­che Grund­la­ge des New Urba­nism ist die Rück­be­sin­nung auf die Tat­sa­che, dass die his­to­ri­sche Stadt den Anfor­de­run­gen an eine nach­hal­ti­ge Stadt am bes­ten gerecht wird.

Die Eckpfeiler des New Urbanism

Ver­mei­dung des „Sprawls“
des unkon­trol­lier­ten, gestalt­lo­sen Wach­sens der Vor­städ­te und der Ver­ödung der Innen­städ­te ( z.B. Pro­gramm Hope VI ). Erreicht wird die­ses Ziel durch Pla­nungs­kon­zep­te, die aus Erfah­run­gen gelernt haben („ best prac­tice“ ) und — nach gründ­li­cher Ana­ly­se — an die unver­wech­sel­ba­re Iden­ti­tät eines Ortes anknüp­fen mit dem Ziel: bau­li­che Dich­te, Viel­falt der Haus­for­men, der Nut­zun­gen und Sozi­al­struk­tu­ren ver­bun­den durch abwechs­lungs­rei­che Stra­ßen — und Platz­räu­me in Anleh­nung an das his­to­ri­sche Bild der jewei­li­gen Stadt und ihrer typi­schen Archi­tek­tur.

Auch der New Urba­nism will eine neue Stadt, die alle moder­nen For­de­run­gen an Ver­kehr, Gewer­be- und Wohn­stan­dards erfüllt. Aber sie muß zugleich auch ver­trau­te Bil­der, Räu­me und Dimen­sio­nen auf­wei­sen. In einer Zeit immer grö­ße­rer Anony­mi­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung ermög­licht erst der Ein­druck des Ver­trau­ten die emo­tio­na­le Bin­dung der Bewoh­ner an ihr Quar­tier.

Das Char­ret­te -Ver­fah­ren
Ist ver­gleich­bar mit unse­ren mehr­stu­fi­gen Gut­ach­ter­ver­fah­ren. Es betei­ligt aller­dings in meh­re­ren Pha­sen alle Fach­dis­zi­pli­nen -Städ­te­bau, Archi­tek­tur, Land­schafts­pla­nung, Tech­nik sowie selbst­ver­ständ­lich Poli­ti­ker, Bau­trä­ger, Initia­tiv­grup­pen und Bür­ger. Ide­en­samm­lun­gen wer­den in die­sem Ver­fah­ren sehr weit­ge­hend gemein­sam kon­kre­ti­siert und in einem mehr­tä­gi­gen Ver­fah­ren zu einem Opti­mum geführt. Ent­schei­dun­gen allein durch die bei uns übli­che Pro­fes­so­ren­fach­ju­ry sind hier undenk­bar.

Der Urban Code
defi­niert die für alle ver­bind­li­che Gestal­tung, der sich die ein­zel­nen Häu­ser unter­zu­ord­nen haben, um die ange­streb­te Har­mo­nie in der Viel­falt zu gewähr­leis­ten. Dabei wird beson­ders Wert gelegt auf zeit­ge­mä­ßes Bau­en aus der Rück­be­sin­nung auf das Typi­sche des Ortes jedoch ohne Rück­grif­fe auf his­to­ri­sche Stil­vor­ga­ben. Das ist bei eini­gen kom­mer­zi­el­len Lösun­gen inzwi­schen lei­der nicht der Fall.

Wich­tig ist das Ein­pas­sen in die unver­wech­sel­ba­re loka­le For­men­spra­che, der Ein­satz regio­na­ler Mate­ria­li­en und das behut­sa­me Ein­fü­gen in das kon­kre­te städ­te­bau­li­che und land­schaft­li­che Umfeld. Dar­über hin­aus trifft der Urban Code detail­lier­te Fest­set­zun­gen zur Gestal­tung des öffent­li­chen Raums.

Ver­rin­ge­rung des Indi­vi­du­al­ver­kehrs
durch Pla­nung fuß­gän­ger­freund­li­cher Wege­net­ze (wal­ka­bi­li­ty), orts­na­her Ver­sor­gung durch Misch­ge­bie­te sowie För­de­rung des ÖPNV.

 

Prinzipien des NEW URBANISM

Über­set­zung des Ver­fas­sers aus www.newurbanism.org

1. Begehbarkeit

- die meis­ten täg­li­chen Din­ge soll­ten inner­halb eines 5 bis 10 Minu­ten­spa­zier­gangs von Zuhau­se oder von der Arbeit erle­digt  wer­den
— fuß­gän­ger­freund­li­che Stra­ßen­ge­stal­tung bedeu­tet Häu­ser nahe an der Stra­ße, Front­ter­ras­sen, unun­ter­bro­che­ne Baum­be­schir­mung, Par­ken auf der Stra­ße, ver­steck­te Park­plät­ze, Gara­gen rück­wär­tig erschlos­sen und beschränk­te, lang­sa­me Fahr­zeug­be­we­gung.

2. Verbundenheit

ein ver­bun­de­nes Stra­ßen­netz­werk ver­teilt Ver­kehr und ver­bes­sert die Begeh­bar­keit, weil die meis­ten Stra­ßen eng sein kön­nen.
— ein gutes Fuß­we­ge­netz und ein gut gestal­te­ter öffent­li­cher Bereich macht Zufuß­ge­hen bequem, ange­nehm und inter­es­sant.

3. Mischnutzung

eine Mischung von Geschäf­ten, Büros, Hand­wer­kern, Geschoss­woh­nun­gen, Stadt­häu­sern, Frei­zeit­ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Ein­rich­tun­gen am Ort.
— Misch­nut­zung in der Nach­bar­schaft, im Block und in den Gebäu­den.

4. mannigfaltige Häuser

- eine Aus­wahl von Typen, Besitz­for­men, Grö­ßen und Prei­sen in enger Nach­bar­schaft.

5. qualifizierte Architektur und Städtebau

- beson­de­res Gewicht auf Schön­heit, mensch­li­che Bedürf­nis­se und das Schaf­fen eines Gefühls für den Ort
— geziel­te Plat­zie­rung öffent­li­cher Gebäu­de und Plät­ze in einer Gemein­de.
— Archi­tek­tur mit mensch­li­chem Maß­stab und schö­ner Umge­bung.

6. traditionelle Nachbarschaftsstruktur

- wahr­nehm­ba­re Zen­tren und Rän­der
— Augen auf die Stra­ße (s.a. J. Jacobs, C. Alex­an­der) erhöht die Sicher­heit
— öffent­li­cher Raum im Zen­trum
— begrenz­te Grö­ße von ca.500m -1500m ein­ge­bun­den in regio­na­le Ver­kehrs- und Land­schafts­in­fra­struk­tur

7. erhöhte Dichte

- mehr Häu­ser, Geschäf­te und Dienst­leis­tun­gen enger zusam­men, um das Lau­fen zu för­dern und einen effi­zi­en­te­ren Gebrauch von Res­sour­cen und Zeit zu ermög­li­chen.

8. intelligente Beförderung

- ein hoch­qua­li­fi­zier­tes Schie­nen­netz ver­bin­det Städ­te und Gemein­den
— fuß­gän­ger­freund­li­che Gestal­tung ermu­tigt zu mehr Fuß­weg-, Fahr­rad-, Inli­ner­nut­zung als täg­li­che Fort­be­we­gungs­mit­tel.

9. Nachhaltigkeit

- mini­ma­le Umwelt­stö­rung durch Ent­wick­lung umwelt­freund­li­cher Tech­no­lo­gi­en
— Respekt vor der Öko­lo­gie und den Natur­sys­te­men
— mehr ört­li­che Pro­duk­ti­on,
— mehr lau­fen, weni­ger fah­ren

10. Lebensqualität

alles zusam­men­ge­nom­men ergibt hohe Lebens­qua­li­tät und schafft Orte, die berei­chern und ins­ge­samt das mensch­li­che Glück stei­gern.

Was ist neu am New Urbanism?

Nach die­sen Erläu­te­run­gen und Infor­ma­tio­nen wer­den sicher vie­le Kol­le­gen sagen: Das kommt uns doch sehr bekannt vor.

Und das ist rich­tig!

In den 80er Jah­ren gab es nach der inten­si­ven Städ­te­bau­kri­tik der 60er und 70er Jah­re an der „Unwirt­lich­keit der Städ­te“( durch Jane Jacobs, Wolf-Jobst Sied­ler , Alex­an­der Mit­scher­lich, Die­ter Wie­land u.a. ) in der Bun­des­re­pu­blik zahl­rei­che Ansät­ze eines Umden­kens der Pla­ner, das bereits weit­ge­hend die­sen Zie­len folg­te. Mit neu­en Mit­teln ent­stand — unter Ein­be­zie­hung der öko­lo­gi­schen Belan­ge — das Ambi­en­te der alten Dör­fer und Städ­te ohne künst­li­che Roman­tik oder Nach­ah­mung. Als Mus­ter­bei­spiel gilt mir dabei immer noch der Wal­ter-Hes­sel­bach-Städ­te­bau­preis 1980, die Pla­nung der Grup­pe SBS mit Dipl.-Ing. Schulz Mün­chen für Moos­burg aber auch zahl­rei­che Kon­zep­te der Orts­pla­nungs­stel­le Ober­bay­ern unter Dipl.-Ing. Rei­chen­bach -Klin­ke oder die Docu­men­ta Urba­na in Kas­sel 1988. Im euro­päi­schen Aus­land wur­den in die­ser Zeit unter dem Mot­to „low rise –high den­si­ty“ vie­le qua­li­tät­vol­le Sied­lun­gen gebaut (in Eng­land z. B. unter den Vor­ga­ben des Essex Design Gui­de seit 1974), die auch heu­te noch als bei­spiel­haft gel­ten kön­nen.

 

Damals hat­ten die Pla­ner eben­so von den Erkennt­nis­sen und Erfah­run­gen der alten Städ­te wie von den Sied­lungs­kon­zep­ten der Gar­ten­städ­te des frü­hen 20. Jahr­hun­derts gelernt. Aus nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den wur­de die­ses Qua­li­täts­be­wußt­sein mit Beginn der 90er Jah­re zuguns­ten eines „Revi­vals“ der eigent­lich tot­ge­sag­ten Moder­ne auf­ge­ge­ben. Städ­te­bau ent­wi­ckel­te sich immer mehr zum belie­bi­gen Design.

Der New Urba­nism hat jedoch unser kri­ti­sches Bewußt­sein der 80er Jah­re kon­ti­nu­ier­lich fort­ge­setzt und wei­ter­ent­wi­ckelt. Vor­be­halt­los hat man die Pla­nun­gen des letz­ten Jahr­hun­derts ana­ly­siert und von erfolg­rei­chen Pro­jek­ten gelernt. Er geht ein auf die mensch­li­chen Bedürf­nis­se nach einer Befrie­di­gung von Emo­tio­nen und berück­sich­tigt den mensch­li­chen Maß­stab. Gera­de dar­in
scheint der gro­ße kom­mer­zi­el­le Erfolg zu lie­gen, der die Pro­jek­te des New Urba­nism inter­na­tio­nal beglei­tet. Die Erkennt­nis­se des „envi­ron­men­tal design rese­arch“ (Hil­li­ar) der letz­ten Jah­re haben beein­dru­cken­de Bewei­se für die Defi­zi­te der Moder­ne gelie­fert. Der Mensch benö­tigt Gebor­gen­heit im Haus genau­so wie Ver­traut­heit in öffent­li­chen Räu­me zum Wohl­füh­len. 75 Jah­re moder­ner Pla­nung haben nicht gereicht, eine über Jahr­hun­der­te gewach­se­ne „Kon­di­tio­nie­rung“ des mensch­li­chen Emp­fin­dens zu beein­flus­sen. Die Wahl eines „Hau­ses des Jah­res“ durch die Leser der Zeit­schrift — das Haus — fin­det mit gro­ßer Regel­mä­ßig­keit tra­di­tio­nel­le Archi­tek­tur der 20er/ 30er Jah­re als Sie­ger (sie­he Foto Wahl 2001).

 

Die Pla­ner der kom­mer­zi­el­len Urban Enter­tain­ment — und Life­style — Cen­ter oder der Fac­to­ry — Out­let -“Vil­la­ges“ nut­zen die­ses Wis­sen pro­fes­sio­nell aus. Unse­re Pla­ner negie­ren die­se Erkennt­nis­se kon­se­quent. Zitat Rolf Kel­ler — Archi­tekt Zürich 1978 :

Weil es den Stadt­pla­nern in den letz­ten 25 Jah­ren nicht gelun­gen ist mit ihren Pla­nun­gen die emo­tio­na­len Bedürf­nis­se der Bewoh­ner zu befrie­di­gen, wur­den die Dis­ney­lands und Ein­kauf­erleb­nis­wel­ten ein sol­cher Erfolg.“

Her­aus­ar­bei­ten möch­te ich noch zwei grund­le­gen­de Dis­sens­po­si­tio­nen zwi­schen dem Trend­de­sign der aktu­el­len Moder­ne und dem New Urba­nism : Im Städ­te­bau rekla­miert Rem Kool­haas den Tod des öffent­li­chen Stadt­raums — den Le Cor­bu­si­er vor 75 Jah­ren als Ziel gesetzt hat­te :„ tuez la rue cor­ri­dor“ — und pro­pa­giert die Ver­knüp­fung von Innen­wel­ten — z.B. Shop­ping­malls. Sei­ne Auf­fas­sung von Misch­nut­zung ist die belie­bi­ge Schich­tung von Nut­zun­gen in Hoch­häu­sern, die auch für Woh­nen wie­der zum Trend erklärt wur­den ( trotz der nega­ti­ven Erfah­run­gen der Ver­gan­gen­heit). Grund­la­ge des neu­en Städ­te­baus ist die Qua­li­fi­zie­rung des öffent­li­chen Raums und das Neben­ein­an­der mög­lichst vie­ler Nut­zun­gen. Die „moder­nen“ Kol­le­gen machen sich die Phi­lo­so­phie der Wer­be­bran­che zuei­gen, die ein Guru der Sze­ne (Paul Arden) so for­mu­liert: „Du musst aus dem Nichts erfin­den, ohne auf Wis­sen und Erfah­rung zu bau­en. Denn Wis­sen ist das Gegen­teil von Ori­gi­na­li­tät. Ide­en sind gut, wenn sie vor­her nie­mand hat­te.“
Der New Urba­nism setzt auf die Kon­ti­nui­tät zeit­ge­mäß inter­pre­tier­ter regio­na­ler Bau­for­men und ein behut­sa­mes Ein­fü­gen in Bestehen­des. Hier wird sehr deut­lich, wie weit die grund­sätz­li­chen Zie­le aus­ein­an­der lie­gen.

Brauchen wir einen New Urbanism?

Wenn Sie der Über­zeu­gung sind, daß die Pla­nun­gen der letz­ten 50 Jah­re in unse­ren Städ­ten ein qua­li­tät­vol­les Wohn — und Lebens­um­feld geschaf­fen haben, das nach­fol­gen­de Gene­ra­tio­nen genau­so ger­ne besu­chen, wie wir heu­te in alte Städ­te fah­ren, dann brau­chen wir eigent­lich kei­nen neu­en Städ­te­bau.                                         Aber wer emp­fin­det so ??

Nach mei­ner Über­zeu­gung ist eine Fort­set­zung des Qua­li­täts­be­wusst­seins der 80er Jah­re — d.h. das Ler­nen von den Pla­nun­gen vom Beginn des letz­ten Jahr­hun­derts und der alten Stadt ver­bun­den mit der Berück­sich­ti­gung öko­lo­gi­scher Belan­ge, der rich­ti­ge Weg zur nach­hal­ti­gen und men­schen­ge­rech­ten Stadt.

Hier und in vie­len wei­te­ren Bei­spie­len die­ser Zeit ist es gelun­gen, zeit­ge­mä­ße Pla­nung mit den male­ri­schen Ele­men­ten der Leh­re von Camil­lo Sit­te zu ver­bin­den und so begehr­te Adres­sen zu schaf­fen.

Nach mei­nen Arbei­ten in Güters­loh und Pots­dam (sie­he Bei­spie­le) möch­te ich Glad­beck umfas­send zur Modell­stadt eines neu­en Städ­te­baus ent­wi­ckeln. Die Poli­ti­ker der Stadt haben sich jeden­falls dafür ent­schie­den, zukünf­tig nach den Prin­zi­pi­en des New Urba­nism an die Qua­li­tä­ten der tra­di­tio­nel­len Stadt anzu­knüp­fen.

An drei aktu­el­len Pro­jek­ten möch­te ich dar­stel­len, wie sich die Umset­zung die­ser Prin­zi­pi­en bei unse­ren Pla­nun­gen aus­wir­ken kann:

Glad­beck ist eine Mit­tel­stadt mit fast 80 00 Ein­woh­nern am Nord­rand des Ruhr­ge­biets im Über­gang zum Müns­ter­land. Trotz oder wegen der rasan­ten Ent­wick­lung der jun­gen Stadt (Stadt­rech­te 1919) durch den Berg­bau ent­stand eine gera­de­zu lehr­buch­ar­ti­ge Stadt­struk­tur: um den Kern des his­to­ri­schen Dor­fes, der sich zum Zen­trum ent­wi­ckel­te, wur­den, durch Grün­zü­ge geglie­dert,  in sich geschlos­se­ne Sied­lun­gen als Unter­zen­tren von die Zechen­ge­sell­schaf­ten gebaut. Die im Krieg fast voll­stän­dig zer­stör­te Innen­stadt wur­de inner­halb weni­ger Jah­re durch einen Schü­ler von Prof. Mehr­tens (Tech­ni­sche Hoch­schu­le Aachen) und ehe­ma­li­gen Rimpl — Mit­ar­bei­ter ganz im Sin­ne der tra­di­tio­nel­len Moder­ne in der typi­schen Back­stein­ar­chi­tek­tur des Müns­ter­lan­des sehr har­mo­nisch wie­der­auf­ge­baut.

Ein ers­ter Schritt mei­ner Arbeit auf dem Weg zu einer schö­ne­ren Stadt war es, in einem inte­grier­ten Hand­lungs­kon­zept für die Innen­stadt die wesent­li­chen Zie­le fest­zu­schrei­ben:

  1. die prä­gen­de Indi­vi­dua­li­tät des Orts­bil­des ist zu erhal­ten und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln (z.B. Back­stein als Leit­ma­te­ri­al)
  2. kon­se­quen­te Stadt­bild­pla­nung küm­mert sich inten­siv um alle Belan­ge des Orts­bil­des (Bau­be­ra­tung, Wer­be­an­la­gen Grün­ge­stal­tung, u.a.)

Mit der begin­nen­den Pri­va­ti­sie­rung der Zechen­sied­lun­gen wur­den Gestal­tungs­sat­zun­gen beschlos­sen und Bera­tungs­stel­len ein­ge­rich­tet, um das qua­li­tät­vol­le Erschei­nungs­bild die­ser Sied­lun­gen zu sichern. Das Pro­jekt „Grü­ner Ring Glad­beck“ sichert, erschließt und gestal­tet die woh­nungs­na­hen Land­schafts­räu­me für Frei­zeit und Erho­lung.

GARTENSIEDLUNG WIELANDSTRASSE
Eines der let­zen grö­ße­ren Sied­lungs­po­ten­tia­le der Stadt. Das begon­ne­ne Plan­ver­fah­ren wur­de ange­hal­ten. Ich habe ver­sucht, nach den zahl­rei­chen Vor­bil­dern der Zechen­sied­lun­gen und Gar­ten­städ­te im Ruhr­ge­biet ver­trau­te, aber span­nungs­vol­le Stras­sen — und Platz­räu­me zu ent­wi­ckeln. Die Nach­bar­schaft von Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen lässt kei­ne umfas­sen­de Misch­struk­tu­ren zu. Um den zen­tra­len Platz ist jedoch die Inte­gra­ti­on von klei­nen Laden — oder Dienst­leis­tungs­flä­chen mög­lich und wün­schens­wert.

SCHLACHTHOFGELÄNDE
Die städ­ti­sche Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft hat­te das Grund­stück gekauft, um hier nach den Vor­stel­lun­gen der Wirt­schafts­för­de­rung mit­tel­stän­di­sche Hand­werks — und Dienst­leis­tungs­be­trie­be anzu­sie­deln. Nur weni­ge Meter vom Zen­trum der Stadt ent­fernt, schien die­se Nut­zung zu scha­de für die­ses Grund­stück.
Ein Gut­ach­ter­ver­fah­ren mit aus­ge­such­ten Büros führ­te in meh­re­ren Stu­fen zu einer bei­spiel­haf­ten Lösung i.S. des New Urba­nism:
Unter Erhal­tung eini­ger iden­ti­täts­stif­ten­der Gebäu­de und Bau­tei­le des alten Schlacht­hofs wur­de durch die Archi­tek­ten­grup­pe Alt — Nie­der­kas­sel aus Düs­sel­dorf ein Quar­tier mit abwechs­lungs­rei­chen Stras­sen-, Platz- und des gemisch­ten Stadt­hau­ses, in dem gewohnt und gear­bei­tet wer­den kann.
Alle am Gut­ach­ter­ver­fah­ren betei­lig­ten Büros wer­den hier­zu Typen­ent­wür­fe fer­ti­gen, die in der Umset­zung gemischt wer­den, um das viel­fäl­ti­ge Erschei­nungs­bild des Quar­tiers zu gewähr­leis­ten.

ERSATZGEBÄUDE RATHAUSERWEITERUNG
Die in den 70er Jah­ren gebau­te Erwei­te­rung des his­to­ri­schen Rat­hau­ses ist extrem PCB ver­seucht. Nach wenig über­zeu­gen­den Erfah­run­gen mit den übli­chen Sanie­rungs­ver­fah­ren ent­schloss sich der Rat der Stadt zum Abriss. Ein Gut­ach­ter­ver­fah­ren erbrach­te kei­ne über­zeu­gen­den Lösun­gen, sodass in einer Arbeits­grup­pe von Kol­le­gen, unter Ein­be­zie­hung der Gut­ach­ter ein Vor­schlag zur Gestal­tung eines „rich­ti­gen“ Rat­haus­plat­zes ent­wi­ckelt wur­de. Die­se Vor­stel­lung wird Grund­la­ge des euro­pa­wei­ten Inves­to­ren­aus­wahl­ver­fah­rens, das zu einer PPP-Lösung füh­ren soll.

 

Durch die­se Bei­spie­le wird deut­lich, wie sich New Urba­nism mit sei­ner Wie­der­be­le­bung des städ­ti­schen Raums in unse­ren täg­li­chen Pla­nun­gen in den Kom­mu­nen aus­wir­ken kann und ich hoffe,daß die­se Aus­füh­run­gen dazu bei­tra­gen kön­nen, die begon­ne­ne Dis­kus­si­on zu berei­chern und zu ver­sach­li­chen.
Es ist wün­schens­wert, wenn — wie in den 20er Jah­ren — wie­der moder­ne und tra­di­tio­nel­le Ent­wür­fe als Alter­na­ti­ven neben­ein­an­der bestehen könn­ten.
Dafür wäre es aller­dings auch erfor­der­lich, dass sich an unse­ren Hoch­schu­len die Leh­re mit die­sen Inhal­ten befaßt. Das gro­ße Inter­es­se, das gera­de von jun­gen Kol­le­gen in Dis­kus­sio­nen an mich her­an­ge­tra­gen wird, recht­fer­tigt dies sicher.

A. Feldtkel­ler schreibt in — Die zweck­ent­frem­de­te Stadt 1995: „Mein Pro­gramm läuft nicht dar­auf hin­aus, ein­fach die Stadt der Ver­gan­gen­heit zu kopieren…aber bei der Wie­der­be­le­bung des öffent­li­chen Raums kön­nen wir auf das Modell nicht ver­zich­ten. Es geht dar­um, die Art, wie die­ses Modell arbei­tet, ver­ste­hen zu ler­nen und das dar­aus zu über­neh­men, was in unse­re Zeit passt; das Modell in zeit­ge­mä­ße Bedin­gun­gen zu über­set­zen.“ Prof. Moewes — Dort­mund sagt dazu :„Kapie­ren, nicht kopie­ren!“

An der Schwel­le zum 21. Jahr­tau­send brau­chen wir end­lich einen nach­hal­ti­gen Städ­te­bau. Die­ser kann nur ent­ste­hen, wenn wir end­lich bereit sind, von den Qua­li­tä­ten der alten Stadt zu ler­nen.
Ich bin über­zeugt davon, das es gelin­gen kann, das immer wie­der vor­ge­tra­ge­ne Kil­ler­kri­te­ri­um: „die Qua­li­tät his­to­ri­scher Stadt­räu­me sei nicht plan­bar, weil sie gewach­sen wäre“, wider­le­gen kön­nen. Fas­sen Sie doch ein­fach den Mut- wie wir in Glad­beck — gegen den Strom der moder­nen Trends anzu­pla­nen. Es lohnt sich!

Web­sei­ten für Inter­es­sier­te:
www.neue-stadtbaukunst.de
www.newurbanism.org
www.cnu.org
http://www.european-council.europa.eu/
www.ceunet.de
www.avoe.org
www.dpz.com
www.intbau.org
www.pps.org

Lite­ra­tur­lis­te zur STADTBAUKUNST
Duany,A. u.a. The New Civic Art New York 2002
Feldtkel­ler, A. Die zweck­ent­frem­de­te Stadt Frank­furt 1995
Jobst, G. Leit­sät­ze für die städ­te­bau­li­che Gestal­tung Tübin­gen 1949
Rau­da, W. Raum­pro­ble­me im euro­päi­schen Städ­te­bau Mün­chen 1956
Rau­da, W. Leben­di­ge Städ­te­bau­li­che Raum­bil­dung Ber­lin 1957
Rein­born, D. Städ­te­bau im 19. und 20. Jahr­hun­dert Stutt­gart 1998
Schalhorn/ Schmalscheidt Raum-Haus-Stadt
Grund­sät­ze stadt­räum­li­chen Ent­wer­fens Stutt­gart 1996
Sied­ler, W.-J. Stadt­ge­dan­ken Ber­lin 1990
Simon, H. Das Herz unse­rer Städ­te Band 1–7 Essen 1963–80
Sit­te, C. Der Städ­te­bau nach sei­nen künst­le­ri­schen
Grund­sät­zen Reprint der 4. Auf­la­ge 1909 Braunschweig1983
Trieb, M. Hrsg. Grund­la­gen des Stadt­ge­stal­te­ri­schen Ent­wer­fens
Arbeits­be­richt 25 Städ­te­bau­li­ches Insti­tut TU Stuttgart1990
Wet­zel, H. Stadt­bau­kunst Stutt­gart 1962

Share on FacebookShare on LinkedInShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page

Comments are closed.