Studentische Charrette Ferropolis im Juni 2003

von Chris­ti­an Marx und Thors­ten Schauz

Inmit­ten der Juni­hi­t­ze fin­den sich drei­ßig Stu­die­ren­de auf einer san­di­gen Halb­in­sel ein und schla­gen ihre Zel­te am Ufer eines geflu­te­ten Tage­baus im Schat­ten eines drei­ßig Meter hohen Schau­fel­rad­bag­gers auf.

Dar­un­ter sind Stu­die­ren­de der Land­schafts­pla­nung aus Ber­lin, der Stadt­pla­nung und Archi­tek­tur aus Cott­bus, der Raum­pla­nung aus Dort­mund sowie die mit­ge­reis­ten Betreue­rin­nen und Betreu­er. Für knapp vier Tage ist die Bag­ger­stadt Fer­ro­po­lis Schau­platz für eine stu­den­ti­sche Char­ret­te, für ein koope­ra­ti­ves Pla­nungs­ver­fah­ren, das sich mit der Zukunft eben die­ses Ortes – Fer­ro­po­lis – aus­ein­an­der­setzt.

Fer­ro­po­lis – Stadt im Indus­tri­el­len Gar­ten­reich
Fer­ro­po­lis, Stadt im „Indus­tri­el­len Gar­ten­reich“ zwi­schen Des­sau, Bit­ter­feld und Wit­ten­berg wur­de 1995 im Rah­men des vom Bau­haus ent­wi­ckel­ten regio­na­len Lang­zeit­pro­jek­tes gegrün­det. Fünf Abset­zer, Schau­fel­rad- und Eimer­ket­ten­bag­ger fan­den auf einem still­ge­leg­ten Indus­trie­are­al inmit­ten des aus­ge­kohl­ten Tage­baus Gol­pa-Nord nahe Grä­fen­hai­ni­chen ihre letz­te Ruhe­stät­te. Als Ensem­ble wur­den sie um eine Are­na ver­sam­melt und so zum Wer­be­trä­ger der EXPO 2000-Kor­re­spon­denz­re­gi­on.
Fer­ro­po­lis ist heu­te Muse­um und Mahn­mal, Stahl­skulp­tur und Ver­an­stal­tungs­are­al für jähr­lich meh­re­re Groß­kon­zer­te. Die Besu­cher­zah­len ver­an­schau­li­chen eine nicht gerin­ge Aus­strah­lungs­kraft in die Regi­on: 40.000 Tages­be­su­cher und min­des­tens noch ein­mal so vie­le Kon­zert­be­su­cher kamen allein im letz­ten Jahr. Der Aus­bau­zu­stand wird dem der­zeit jedoch kaum gerecht; die Her­stel­lung der Begeh­bar­keit der Groß­ge­rä­te, die Sanie­rung der Tages­an­la­gen und der Aus­bau der tech­ni­schen Infra­struk­tur begin­nen erst.

Eine Stadt wird wei­ter­ent­wi­ckelt
Bereits im Jahr 2002 hat daher eine Pla­ner-Char­ret­te in Fer­ro­po­lis statt­ge­fun­den, die unter der Lei­tung von Dr. Harald Keg­ler (Wit­ten­berg) und Thies Schrö­der (Ber­lin) sowie unter Betei­li­gung von Pla­nern und Inge­nieu­ren aus Ber­lin und Grä­fen­hai­ni­chen einen Rah­men­plan und einen För­der­an­trag für die zwei­te Aus­bau­stu­fe auf den Weg gebracht hat. Die För­der­zu­sa­ge liegt inzwi­schen vor, sodass mitt­ler­wei­le Vor­be­rei­tun­gen für die Umset­zung getrof­fen wer­den.
Auf­ga­be der stu­den­ti­schen Char­ret­te war die Erar­bei­tung von Grund­la­gen und Ide­en für einen Urban Design Code – eine Art Gestal­tungs­re­gel­werk. Gegen­stand der Char­ret­te war nicht allein die For­mu­lie­rung von Regeln für die Sanie­rung der Tages­an­la­gen und Bag­ger, für die Frei­raum­ge­stal­tung und für das Design eines tou­ris­ti­schen The­men­we­ges. Viel­mehr soll­te auch ein Rah­men für zukünf­ti­ge gewerb­li­che Nut­zun­gen und Neu­bau­ten auf dem Are­al abge­steckt wer­den. Hin­ter­grund ist, dass Fer­ro­po­lis als inspi­rie­ren­der Ort mehr und mehr Inves­ti­ti­ons­in­ter­es­sen auf den Plan ruft. Kon­kret besteht zur­zeit das Inter­es­se eines Ber­li­ner Inves­tors, auf dem See rund um die Halb­in­sel „Floa­ting Homes“ zu errich­ten, die vor der beein­dru­cken­den Kulis­se der Bag­ger als Feri­en­do­mi­zi­le oder als schwim­men­der Back-sta­ge-Bereich der Are­na genutzt wer­den könn­ten.

Das Char­ret­te­ver­fah­ren
Eine „Char­ret­te” ist ein kon­se­quent öffent­li­ches Pla­nungs­ver­fah­ren mit direk­ter Pla­nungs­de­mo­kra­tie, leben­di­ger Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und kon­kre­ter Ent­schei­dungs­fin­dung, das die Lösung kom­ple­xer Pro­ble­me der Stadt- und Regio­nal­ent­wick­lung in kur­zer Zeit zum Ziel hat. Mit dem Namen „Char­ret­te“, der im Fran­zö­si­schen „Kar­ren“ bedeu­tet, ist eine Anek­do­te ver­knüpft, die ihre Arbeits­wei­se illus­triert: Im Paris des 19. Jahr­hun­derts wur­den die Arbei­ten der Stu­die­ren­den der Kunst­aka­de­mie zum Semes­ter­ab­schluss auf einem Kar­ren zur Aka­de­mie gebracht. Wer nicht recht­zei­tig fer­tig war, führ­te noch wäh­rend der Fahrt die letz­ten Pin­sel­stri­che aus und wur­de übli­cher­wei­se von der regen Anteil­nah­me der Bür­ger beglei­tet.
Seit den 1990er Jah­ren wird die Char­ret­te als Pla­nungs­me­tho­de vor allem in den USA ange­wen­det. Unter den Bedin­gun­gen eines wei­test­ge­hend pri­va­ti­sier­ten Städ­te­baus sichern die in einer Char­ret­te aus­ge­han­del­ten Mas­ter­plä­ne und Regel­wer­ke (urban codes) ein gewis­ses Maß an Qua­li­täts­stan­dards und öffent­li­cher Betei­li­gung. In Deutsch­land ist das Ver­fah­ren noch neu, konn­te jedoch bereits erfolg­reich im Stadt­um­bau erprobt wer­den.

Die Arbeits­wei­se der stu­den­ti­schen Char­ret­te
Im Gegen­satz zu klas­si­schen Work­shops, die eher eine Bear­bei­tung ver­ein­fach­ter Pla­nungs­auf­ga­ben in kon­kur­rie­ren­den Teams prak­ti­zie­ren und die folg­lich auf ein mög­lichst brei­tes Spek­trum von Ide­en abzie­len, steht die stu­den­ti­sche Char­ret­te von Anfang an unter dem Vor­zei­chen des Kon­sen­ses. Ziel ist es, am Ende der vier Tage ein in sich kon­sis­ten­tes Grup­pen­er­geb­nis zu prä­sen­tie­ren. Wo kei­ne Über­ein­stim­mung erzielt wer­den kann, sol­len Vari­an­ten vor­ge­stellt wer­den.
Deut­lich wird, dass die Stu­die­ren­den daher in hohem Maße ihren Arbeits­pro­zess selbst orga­ni­sie­ren muss­ten. Die Mode­ra­ti­on der Ple­num­dis­kus­sio­nen sowie die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den ein­zel­nen Teams nah­men Dr. Harald Keg­ler und Thies Schrö­der in die Hand. In kon­zen­trier­ter, inter­dis­zi­pli­nä­rer Team­ar­beit wur­den Lösun­gen für Teil­auf­ga­ben skiz­ziert, die nach kur­zen Rück­kopp­lungs­zy­klen mor­gens, mit­tags und abends im Ple­num dis­ku­tiert und abge­stimmt wur­den. Grup­pen wur­den unter ande­rem für die The­men­fel­der „Regio­na­le Ein­bin­dung“, „Städ­te­bau“, „Urban Design Code“ und „Floa­ting Homes“ gebil­det. Nach einer ers­ten Arbeits­pha­se teil­ten sich die Grup­pen auf, for­mier­ten sich zum Teil neu und führ­ten Orts­be­sich­ti­gun­gen durch. Der Besuch eines inter­es­sier­ten Inves­tors sowie eines Archi­tek­ten mit Erfah­run­gen im Bereich „schwim­men­de Häu­ser“ konn­te für geziel­te Rück­fra­gen und zur Dis­kus­si­on an Plan und Modell genutzt wer­den. Damit wur­de bei­spiel­haft ein Grund­prin­zip der Arbeit in Char­ret­te­ver­fah­ren prak­ti­ziert – die Ein­be­zie­hung loka­len und exter­nen Fach­wis­sens zur Ent­schei­dungs­fin­dung.
Den Mit­tel­punkt der Char­ret­te bil­de­te ein Modell im Maß­stab 1:500, das von Stu­die­ren­den aus Sand, mit­ge­brach­ten wie gefun­de­nen Mate­ria­li­en kon­stru­iert, ste­tig erwei­tert und umge­baut wur­de. Plat­ziert auf der Empo­re in der Oran­ge­rie, der zen­tra­len Anlauf­stel­le für Tages­tou­ris­ten, bot das Modell nicht nur ein geeig­ne­tes Medi­um zur inter­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on son­dern auch zur Kom­mu­ni­ka­ti­on gegen­über der Öffent­lich­keit.

Char­ret­te und Öffent­lich­keit
Char­ret­te­ver­fah­ren zeich­nen sich dadurch aus, dass sie unmit­tel­bar am Ort des Gesche­hens den Bezug zum Pla­nungs­ge­gen­stand her­stel­len. Schon die Aus­wahl des Tagungs­or­tes soll die prin­zi­pi­el­le Offen­heit des Pla­nungs­pro­zes­ses für Betei­lig­te und inter­es­sier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger demons­trie­ren. Im Vor­feld der stu­den­ti­schen Char­ret­te wur­de das Ver­fah­ren in der Lokal­pres­se ange­kün­digt und zum Besuch ein­ge­la­den. Da die Reso­nanz zunächst bis auf eini­ge Tages­be­su­cher gering blieb, ging aus einer stu­den­ti­schen Initia­ti­ve die Idee her­vor, noch ein­mal geson­dert zur Abschluss­ver­an­stal­tung ein­zu­la­den. In einer spon­ta­nen Akti­on wur­den ca. 200 Papier­schif­fe gefal­tet, die mit der Bot­schaft „Ein Schiff für jeden Grä­fen­hai­ni­cher ?“ zur Betei­li­gung an der Dis­kus­si­on um die „Floa­ting Homes“ und die Bezie­hung Grä­fen­hai­ni­chen – Fer­ro­po­lis auf­for­der­ten und in der Fuß­gän­ger­zo­ne des Städt­chens an Pas­san­ten ver­teilt wur­den.
Die Ergeb­nis­se der Char­ret­te – die in wei­ten Tei­len einen Grup­pen­kon­sens wider­spie­gel­ten – konn­ten schließ­lich vor einem brei­ten Publi­kum aus Bür­gern, Stadt­rä­ten, Ver­tre­tern der Fer­ro­po­lis GmbH, Bür­ger­meis­ter und invol­vier­ten Pla­nern prä­sen­tiert wer­den. Im Anschluss ent­fal­te­te sich eine rege Dis­kus­si­on, die erken­nen ließ, dass die Ergeb­nis­se über­wie­gend auf Zustim­mung stie­ßen.

Wie geht es wei­ter?
Im Gegen­satz zu einer pro­fes­sio­nel­len Char­ret­te waren bei der stu­den­ti­schen Char­ret­te nur zeit­wei­se loka­le Ent­schei­dungs­trä­ger anwe­send, sodass die Ergeb­nis­se allen­falls Emp­feh­lun­gen dar­stel­len kön­nen. Als sol­ches fan­den sie Ein­gang in den nach­fol­gen­den Ver­fah­rens­schritt. Im Juli trat erneut die Pla­ner-Char­ret­te in alter Kon­stel­la­ti­on zusam­men, um den Urban Design Code so weit zu kon­kre­ti­sie­ren, dass mit der zwei­ten Aus­bau­stu­fe begon­nen wer­den kann. Dabei wur­den zahl­rei­che stu­den­ti­sche Ide­en auf­ge­grif­fen, so zum Bei­spiel die Ver­or­tung der „Floa­ting Homes“ in Ver­län­ge­rung eines „urba­nen“ Ban­des, das sich über die Halb­in­sel Fer­ro­po­lis erstreckt. Eben­so wur­de das Leit­bild für die Land­schafts­ge­stal­tung der Halb­in­sel Fer­ro­po­lis, von den Stu­die­ren­den als „Prä­rie“ for­mu­liert, durch die Fach­pla­nern als „Step­pe“ über­nom­men. Ein von der „Urban Design Code“ Grup­pe ent­wi­ckel­tes Besu­cher­leit­sys­tem, basie­rend auf der Ver­wen­dung und Umnut­zung von auf dem Gelän­de all­ge­gen­wär­ti­gen Flu­tungs­roh­ren, wird zur Zeit auf Rea­li­sier­bar­keit unter­sucht.
Sowohl von Sei­ten der Stu­die­ren­den als auch der Betreu­en­den wur­de her­vor­ge­ho­ben, dass die Stu­die­ren­den­char­ret­te eine neue, posi­ti­ve Erfah­rung war und als vol­ler Erfolg ange­se­hen wer­den kann. Die Ergeb­nis­se nach nur zwei­ein­halb Tagen Arbeit, ver­sam­melt in einem Modell, kön­nen sich sehen las­sen. Durch das Kon­sens­prin­zip des Char­ret­te­ver­fah­rens wur­de auf allen Maß­stabs­ebe­nen eine gute inhalt­li­che Dich­te und Trag­fä­hig­keit erreicht, wie die Über­nah­me stu­den­ti­scher Ide­en in die kon­kre­ten Aus­bau­plä­ne von Fer­ro­po­lis beweist. In der Über­zeu­gung, dass die Char­ret­te als koope­ra­ti­ves Ver­fah­ren in der Pla­nungs­pra­xis an Bedeu­tung gewinnt, wird eine Wie­der­ho­lung im nächs­ten Jahr, an ande­rem Ort und unter Betei­li­gung wei­te­rer Uni­ver­si­tä­ten und Dis­zi­pli­nen ange­strebt.

Unter­des­sen wird das Sand­mo­dell in der Oran­ge­rie von Fer­ro­po­lis durch Mit­ar­bei­te­rin­nen der Fer­ro­po­lis GmbH regel­mä­ßig gepflegt und mit Was­ser bestäubt, um sei­nen Zustand für inter­es­sier­te Besu­cher und eine fol­gen­de Char­ret­te zu erhal­ten…

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