CEU – ein europäisches Netzwerk für Städtebaureform ist gegründet worden

Grün­dungsmit­glieder des CEU, 2003 in Brügge

Ein für die europäis­che Diskus­sion­skul­tur ungewöhn­licher Kreis ver­schiedener Fachge­bi­ete und Auf­fas­sungslin­ien zum aktuellen Städte­bau kam in der ersten April­woche in eben­falls ungewöhn­licher Weise zusam­men, um den Coun­cil for Euro­pean Urban­ism, ein europaweites Net­zw­erk für den Umbau der Städte und Regio­nen, zu grün­den. Sprachlosigkeit und Sep­a­ratismus, Lager­bil­dung und Abschot­tung kennze­ich­nen allzu oft die Sit­u­a­tion in den Debat­ten – nicht nur zum Städte­bau. Und dann noch dies: Ein­ge­laden hatte eine europäisch-amerikanische Ini­tia­tive, der Euro­coun­cil, um zunächst eine Diskus­sion zum Stand der Städte­bau­re­form und zu Pro­jek­ten zu führen. 75 Vertreter aus nahezu allen wes­teu­ropäis­chen und weni­gen osteu­ropäis­chen Län­dern sowie den USA waren der Ein­ladung zu diesem informellen Tre­f­fen gefolgt. Organ­isiert hat­ten es die belgo-amerikanische Architek­tin Joanna Ali­manes­tianu und der bel­gis­che Unternehmer Chris­t­ian Lassert. Sym­bol­trächtig und mit Bedacht waren die europäis­che „Haupt­stadt“, Brüs­sel, und die altehrwürdige Nach­barstadt Brügge als Begeg­nungsstät­ten aus­gewählt worden.

Schillernd bot sich das Spek­trum der Teil­nehmer dar: Neok­las­sizis­tis­che Architek­ten aus Por­tu­gal oder Ital­ien um den „Guru“ der Szene, Leon Krier, waren ebenso vertreten wie Planer aus der Schule des mod­er­nen Woh­nungs­baus der Nieder­lande oder Schwe­dens. Insti­tu­tio­nen wie die Princes Foun­da­tion aus Lon­don und INBAU aus Nor­we­gen oder Devel­oper, Sozi­olo­gen, Verkehr– und Region­alplaner aus Deutsch­land, den USA, eine Architek­tin aus Bul­gar­ien markierten das Spek­trum derer, die eine Städte­bau­re­form im sich wan­del­nden Europa für notwendig hal­ten. Sicher ist es keine repräsen­ta­tive Grup­pierung, die da zusam­menkam, und schon gar nicht war sie irgend­wie legit­imiert, doch die Her­aus­forderun­gen, die sich aus der EU-Erweiterung, vor allem aber aus dem Wan­del der Städte selbst ergeben, lassen keine andere Wahl, als dass gehan­delt wer­den sollte. Das beflügelte die Teil­nehmer, Bar­ri­eren untere­inan­der zu über­winden und zu den wesentlichen Fra­gen des Umbaus der Städte in Europa vorzustoßen.

Beflügelt wurde die Debatte durch die Vertreter des amerikanis­chen New Urban­ism, einer vor 10 Jahren ent­stande­nen Bewe­gung gegen den sub­ur­ban Sprawl, jener Zer­sied­lung und Desur­ban­isierung des Lan­des, und für eine Erneuerung der Stadt­pla­nung. Vor­bild­haft ist hier­bei für die europäis­chen Akteure vor allem der inter­diszi­plinäre Charak­ter und die kon­se­quente Prax­isori­en­tierung. Die Ziele des CNU und die Bedin­gun­gen, unter denen in den USA eine Reform auf den Weg gebracht wurde, sind sehr ver­schieden, von denen Europas. Den­noch: der Charak­ter dieser Bewe­gung motiviert und hält zahlre­iche Anre­gun­gen auch für Europa bereit, ver­bi­etet aber eine Kopie oder gar ein Anhängsel zu werden.

Im Zen­trum der Debatte stand denn auch zunächst die vorhan­dene alte Stadt in Europa z.B. Ham­burg– ihrer Erneuerung bzw. Rekon­struk­tion gilt die Aufmerk­samkeit. Es zeigte sich aber bald, dass die Haupt­prob­leme zukün­ftig weiter zu fassen sein wer­den: die gigan­tis­chen Neubauge­bi­ete an den Rän­dern der Städte, ins­beson­dere in den mit­tel– und osteu­ropäis­chen Län­dern, die soge­nan­nten Plat­te­bauge­bi­ete, die zwis­chen Sheffield und Moskau das Bild der „europäis­chen Stadt“ prä­gen, deren soziale und infra­struk­turellen Prob­leme avancierten denn auch zum „Top-Thema“ der Zusam­menkunft. Die „Slab-Urbs“ sind wohl das Gegen­stück zum amerikanis­chen Sprawl. Doch nicht nur dies gehört zum Prob­lemkat­a­log, zu den Her­aus­forderun­gen europäis­chen Städte­baus und regionaler Pla­nung. Ein Kat­a­log von 13 Her­aus­forderun­gen fand die Zus­tim­mung der Teil­nehmer, der als Basis für eine weit­er­führende Debatte, ja als Ein­stieg in den Auf­bau eines europäis­chen Net­zw­erkes für Städte­bau­re­form gilt, auch als „Dekla­ra­tion von Brügge“ beze­ich­net:
1. Unzulängliche Wohnge­bi­ete: Großsied­lun­gen in Plat­ten­bauweise sowie wenig verdichteter Sied­lungs­brei
2. Separi­erte öffentliche Funk­tions­bere­iche: Gewerbe Parks, Einkaufs– und Unter­hal­tungszen­tren „auf der grü­nen Wiese“
3. Zunahme an „Wegwerf-Bauten“
4. ver­schwindende Unter­schei­d­barkeit von lokaler, regionaler und nationaler Beson­der­heit
5. Entwer­tung des öffentlichen Raumes (Schaf­fung öffentlicher Gebi­ete aus baulichen „Resträu­men“)
6. Autodom­i­nanz des Trans­port­sys­tems
7. inakzept­able Gestal­tung von Straßen und Wegen
8. unver­bun­dene Straßen­netze
9. autokratis­che Pla­nung und Über­reg­ulierung
10. Ver­fall und Auf­gabe von Dör­fern und ländlichen Struk­turen
11. maßstab­spren­gende Implan­tate in his­torischen Stadt­ge­bi­eten
12. Vor­ein­genom­men­heit gegenüber kon­textueller Gestal­tung in his­torischen Gebi­eten: Beach­tung der Charta von Venedig und Krakow
13. man­gel­nde regionale Inte­gra­tion und Kooperation

Ob Neok­las­sizist oder Bauhaus-Verehrer, ob Devel­oper oder Dor­fgestal­ter, ob Stadt­sozi­ologe oder Plat­ten­bau­sanierer, in diesen Punk­ten fan­den sie ihre gemein­same Basis für eine strate­gisch anzule­gende Reform. Beson­ders betont wurde die Offen­heit des Net­zw­erkes für alle, die sich dem Anliegen einer Erneuerung des Städte­baus verpflichtet fühlen. Keine beruf­ständis­chen Zuge­hörigkeiten, keine stilis­tis­chen Auf­fas­sung­sun­ter­schiede oder gesellschaftlichen Posi­tio­nen bes­tim­men die Mitar­beit – ein ehernes Anliegen jeden­falls, das die oft festzustel­len­den Kom­mu­nika­tions­bar­ri­eren über­wind­bar machen will. Gle­ichzeitig sollen die bere­its vor­liegen­den Refor­mvorschläge und die zahlre­ichen Pro­jekte part­ner­schaftlich betra­chtet werden.

Damit kon­nte der Grund­stein gelegt wer­den für den Auf­bau des „Coun­cil for Euro­pean Urban­ism“ (CEU). Im Okto­ber soll in Stock­holm das näch­ste Tre­f­fen fol­gen. Eine Charta und eine Pro­jek­tliste, die ent­lang der Kri­te­rien dieser 13 Punkte Ziele und Möglichkeiten einer Städte­bau­re­form in Europa ver­an­schaulichen, und damit natür­lich zur Debatte aufrufen soll, sind in Arbeit. Erste nationale Net­zw­erke grün­den sich bzw. sind in der Diskus­sion. Das CEU – Ger­man Net­work ist im Auf­bau und wird sich im Novem­ber in Wit­ten­berg erst­mals treffen.