Strategische Orte in Berlin. Mediaspree.

Stra­te­gi­sche Orte in Ber­lin. Medi­a­s­pree.
Aljoscha Hof­mann

Das The­ma Zwi­schen­nut­zung und der Umgang mit Kon­ver­si­ons­flä­chen[1] bestim­men die Ber­li­ner Stadt­ent­wick­lungs­de­bat­te in der letz­ten Deka­de maß­geb­li­ch mit. Beson­ders hef­tig wird die Debat­te um Zwi­schen­nut­zun­gen und Stadt­ent­wick­lung in den letz­ten Jah­ren um das Medi­a­s­pree-Gebiet geführt. Dort, beid­sei­tig ent­lang der Spree­ufer in den Bezir­ken Mit­te, Fried­richs­hain-Kreuz­berg und Trep­tow, soll auf einer Stre­cke von rund 3,7 Kilo­me­tern zwi­schen der Jan­no­witz- und der Elsen­brü­cke ein ehe­ma­li­ges durch Gewer­be-, Bahn- und Hafen­flä­chen, sowie die Ber­li­ner Mau­er gepräg­tes Gebiet in ein Dienst­leis­tungs- und Medi­en­quar­tier ver­wan­delt wer­den. Das mit der Wen­de vom Rand der bei­den Stadt­hälf­ten in eine zen­tra­le Lage gerück­te Stadt­ge­biet wird seit 2001 durch eine Inves­to­ren­ge­mein­schaft und den Ber­li­ner Senat unter dem Label „Medi­a­s­pree“ ver­mark­tet. Im Juli 2008 stel­len sich Anwoh­ner des Bezirks Fried­richs­hain-Kreuz­berg mit dem vom Initia­tiv­kreis Medi­a­s­pree Ver­sen­ken! initi­ier­ten erfolg­rei­chen Bür­ger­ent­scheid „Spree­ufer für Alle!“ gegen die Medi­a­s­pree-Pla­nun­gen. Seit­her ist der Streit um das Groß­vor­ha­ben in vol­lem Gan­ge.

Die Ent­wick­lung im öst­li­chen Spree­raum, wie das Are­al auch genannt wird, lässt sich hin­sicht­li­ch Debat­te, Wahr­neh­mung und räum­li­cher Ent­wick­lung grob in fünf Pha­sen tei­len.

 In der ers­ten Pha­se, der Deka­de nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung rückt das Gebiet von einer Rand­la­ge in eine zen­tra­le, stra­te­gi­sche Lage. Die Gren­ze zwi­schen Ost- und West-Ber­lin hat­te dafür gesorgt, dass das auf die Gesamt­stadt gese­he­ne zen­tra­le Gebiet in der Wahr­neh­mung von Poli­tik und Bevöl­ke­rung am Rand der Stadt lag. Wäh­rend die Kreuz­ber­ger Ufer bis in die spä­ten 1990er durch Gewer­be und Indus­trie geprägt sind, prä­gen Bahn­flä­chen um den vor­ma­li­gen Haupt­bahn­hof Ost-Ber­lins sowie den Wrie­ze­ner Bahn­hof und der als Bin­nen­ha­fen genutz­te Ost­ha­fen die Fried­richs­hai­ner Ufer. In die­ser Pha­se erobern Zwi­schen­nut­zer die ver­las­se­nen Gebäu­de und Grund­stü­cke und machen den öst­li­chen Spree­raum zur Hoch­burg der Zwi­schen­nut­zun­gen mit inter­na­tio­na­ler Wahr­neh­mung.

Die zwei­te Pha­se beginnt 2001, als die Idee eines Medi­en- und Dienst­leis­tungs­vier­tels an die­ser Stel­le durch die Medi­a­s­pree GmbH erst­mals wer­be­wirk­sam ver­brei­tet wird und endet mit der Grün­dung des Ver­eins Regio­nal­ma­nage­ment Medi­a­s­pree im Janu­ar 2005.[2] Der Ver­ein, ein Zusam­men­schluss aus pri­va­ten und öffent­li­chen Akteu­ren, über­nimmt in der 3. Pha­se die Auf­ga­ben der Medi­a­s­pree GmbH. Ein­ein­halb Jah­re spä­ter, im Juni 2006, wird der Pro­test gegen „Medi­a­s­pree“ erst­mals auf die Stra­ße getra­gen und die Bür­ger­initia­ti­ve „Medi­a­s­pree ver­sen­ken!“ grün­det sich. Der Initia­tiv­kreis orga­ni­siert seit­dem den kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­test gegen die Inves­to­ren­plä­ne, der schließ­li­ch im erfolg­rei­chen Bür­ger­be­geh­ren im Juli 2008 sei­nen Höhe­punkt erreicht.[3]

Mit dem Bür­ger­ent­scheid Juli 2008 beginnt die vier­te Pha­se, wobei sich hier die Bil­dung des Son­der­aus­schus­ses „Spree­raum“ des Bezirks­par­la­ments von Fried­richs­hain-Kreuz­berg und der Beginn der der­zei­ti­gen Wirt­schafts­kri­se über­la­gern. Gleich­zeit schlägt der Pro­test gegen Medi­a­s­pree und „Luxus-Wohn­pro­jek­te“ im Umfeld des Medi­a­s­pree-Gebiets, wie bei­spiels­wei­se den Car-Lofts in der Rei­chen­ber­ger Stra­ße, in offe­ne Gewalt um.[4] An ver­schie­de­nen Orten Ber­lins, dar­un­ter beson­ders Fried­richs­hain und Kreuz­berg steigt die Zahl der Brand­an­schlä­ge auf Autos[5]. Aber auch der Unmut über die Schaf­fung von Wohn­ei­gen­tum durch Bau­ge­mein­schaf­ten gerät in den Mit­tel­punkt der Pro­tes­te[6].

Mit dem Aus­schei­den der Bür­ger­initia­ti­ve aus dem im Juli 2008 ein­ge­rich­te­ten BVV-Son­der­aus­schuss Spree­raum im Dezem­ber 2009 ist die Debat­te um Medi­a­s­pree in die fünf­te Pha­se ein­ge­tre­ten. Die ein­zi­ge mode­rier­te Platt­form, auf der die ver­schie­de­nen Akteu­re kon­ti­nu­ier­li­ch mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren konn­ten, ist damit ver­schwun­den, und eine neue muss sich erst fin­den.

Die­se fünf Zeit­pha­sen gehen ein­her mit unter­schied­li­chen räum­li­chen Ent­wick­lungs­pha­sen, wel­che jeweils eine Aus­wir­kung auf die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung und Deu­tung der Pla­nun­gen haben.

 Pha­se 1 – Die Erwei­te­rung der Rän­der und ein Rah­men­plan

In der ers­ten Pha­se bis ins Jahr 2001 ist der öst­li­che Spree­raum vor allem durch bau­li­che Ent­wick­lun­gen am Rand des Gebie­tes geprägt, beson­ders Moder­ni­sie­run­gen und Erwei­te­run­gen bestehen­der Struk­tu­ren. 1996 ent­ste­hen die Tri­as in der Nähe der Jan­no­witz­brü­cke, und das Spree­Car­reé wird saniert. Der Bau der Twin­to­wers und des Jan­no­witz-Cen­ters fol­gen 1997, gefolgt vom Bau des Trep­towers ein Jahr spä­ter. Im Jahr 2000 beginnt mit dem Umbau des Ost­bahn­ho­fes und dem Bau des Ibis-Hotels in des­sen unmit­tel­ba­rer Nähe die Umnut­zung und Nach­ver­dich­tung in den inne­ren Lagen. Von Medi­a­s­pree spricht an die­ser Stel­le noch nie­mand. Die Bau­ten ent­ste­hen auf Grund­la­ge ande­rer Plan­wer­ke und städ­te­bau­li­cher Leit­bil­der, wie dem Rah­men­plan für das Are­al um den Ost­bahn­hof und die Müh­len­stra­ße von 1993 oder dem Ring­stadt­kon­zept von 1991. Einen zusam­men­hän­gen­den Mas­ter­plan, der neben den städ­te­bau­li­chen auch qua­li­fi­zier­te Aus­sa­gen zu Nut­zungs­mi­schung und Funk­ti­ons­be­rei­chen macht, fehlt. Die ein­zel­nen Vor­ha­ben wer­den erst spä­ter in das Stand­ort­in­for­ma­ti­ons­sys­tem ein­ge­fügt und als Medi­a­s­pree-Pro­jek­te ver­mark­tet.

Sowohl im städ­te­bau­li­chen Rah­men­plan von Hemprich/Tophof von 1993 als auch im Plan­werk Innen­stadt Ber­lin fin­den sich jedoch Aus­sa­gen zu gemisch­ten Quar­tie­ren in Block­rand­be­bau­ung in ein­heit­li­cher Höhe, bis auf leich­te Über­hö­hun­gen an den Brü­cken­köp­fen mit hohem Wohn­an­teil wie­der. Dies steht in har­tem Kon­trast zu den spä­te­ren Medi­a­s­pree-Pla­nun­gen, die haupt­säch­li­ch auf Büro- und Dienst­leis­tungs­flä­chen beschränkt sind und wei­ter­hin eine Viel­zahl von Hoch­häu­sern zwi­schen 60m und 140m im Gebiet und nicht mehr nur an den Brü­cken­köp­fen vor­se­hen.

Pha­se 2 – Medi­a­s­pree: Das neue Dienst­leis­tungs­quar­tier an der Spree

Zu Beginn der zwei­ten Pha­se, im Jahr 2001, taucht der Name Medi­a­s­pree erst­mals auf. Ein Name, der Asso­zia­tio­nen von Mon­o­funk­tio­na­li­tät weckt, die dem öst­li­chen Spree­raum nicht gerecht wer­den. Der Name lei­tet sich von einer Stu­die der Fir­ma REGIOCONSULT aus dem Jah­re 2000 ab, die als mög­li­che Pro­fi­lie­rungs­stra­te­gie ein Medi­en- und Dienst­leis­tungs­vier­tel für den öst­li­chen Spree­raum vor­ge­schlägt.[7] Die „Medi­a­s­pree“ wird dann durch die 2001 gegrün­de­te Medi­a­s­pree GmbH, einem Zusam­men­schluss ver­schie­de­ner Grund­stücks­eig­ner, Pro­jekt­ent­wick­ler und Inves­to­ren, pro­pa­giert.

Aus Ver­wal­tungs­sicht heißt das Stadt­ge­biet, wie es das zuge­hö­ri­ge Leit­bild der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung anschau­li­ch belegt, schlicht: Spree­raum Fried­richs­hain-Kreuz­berg.[8] In die­sem Leit­bild von 2001 fin­det man auch Hin­wei­se auf eine geplan­te Ver­an­stal­tungs­hal­le für den Stand­ort der jet­zi­gen „O2 World“. Es ist von 40.000 Arbeits­plät­zen und rund 8.500 neu­en Bewoh­nern im Ent­wick­lungs­ge­biet die Rede.[9]

2002 wird im Zuge eines euro­päi­schen För­der­pro­gramms der Ber­li­ner Was­ser­la­gen­ent­wick­lungs­plan erstellt. Er kate­go­ri­siert die Ber­li­ner Ufer in ver­schie­de­ne Umstruk­tu­rie­rungs­räu­me. Einer der vier prio­ri­tä­ren Räu­me und damit Ort einer ver­tie­fen­den kon­zep­tio­nel­len Bear­bei­tung bil­det das Spree­ufer in Fried­richs­hain-Kreuz­berg. Hier wird das bestehen­de Leit­bild weit­ge­hend über­nom­men und für eini­ge Teil­räu­me wei­ter­ent­wi­ckelt. „Für das Fried­richs­hai­ner Spree­ufer wird basie­rend auf der Bewer­tung der Nut­zungs­eig­nung und in Anleh­nung an die Vor­ha­ben im Rah­men des Pro­jek­tes „media spree“ Misch­nut­zung mit einem hohen Anteil an Handel/Dienstleistungen/Geschossgewerbe emp­foh­len. Für die „Spree­front“ von Kreuz­berg und Mit­te (Köpe­ni­ker Stra­ße) eig­nen sich dage­gen stär­ker höher­wer­ti­ges Gewer­be als Woh­nen und Dienst­leis­tun­gen.“[10] Das im Was­ser­la­gen­ent­wick­lungs­plan ent­hal­te­ne städ­te­bau­li­che Struk­tur­mo­dell greift weit­ge­hend die Pla­nun­gen der Medi­a­s­pree–Vor­ha­ben auf sowie die Pla­nun­gen des Plan­werks Innen­stadt Ber­lins. Ein im Plan vor­ge­schla­ge­ner Park mit hohem Gestal­tungs­an­spruch für den Ost­ha­fen fin­det sich in den spä­te­ren Pla­nun­gen nicht mehr. Ist der Was­ser­la­gen­ent­wick­lungs­plan zwar ein wich­ti­ges Instru­ment für eine auch pla­ne­ri­sche Hin­wen­dung zu den Ber­li­ner Was­ser­la­gen, so über­nimmt er im Bereich Spree­raum Fried­richs­hain-Kreuz­berg fast aus­schließ­li­ch die vor­han­de­nen Pla­nun­gen und begrüßt die ers­ten sicht­ba­ren Zei­chen der Ent­wick­lung.

Die­se sind der Umzug von Uni­ver­sal Music Deutsch­land aus Ham­burg an die Ber­li­ner Spree im Juli 2002 und wei­te­rer Unter­neh­men der Medi­en­bran­che, wie bspw. MTV in den fol­gen­den Jah­ren. Der Uni­ver­sal Umzug kann als Auf­takt der gewünsch­ten Ent­wick­lung – hin zu einem Medi­en­stand­ort ver­stan­den wer­den. Uni­ver­sal Music, pro­mi­nen­tes Mit­glied der anvi­sier­ten Medi­en­bran­che, zieht es in das „neue krea­ti­ve Zen­trum des Lan­des“[11]. Für die­ses Image Ber­lins ist unter ande­rem die viel­fäl­ti­ge Kul­tur- und Club­sze­ne, die sich auch in den ver­las­se­nen Gebäu­den und Bra­chen ent­längst des ehe­ma­li­gen Grenz­ge­biet zwi­schen den bei­den Stadt­tei­len ent­wi­ckelt hat, ver­ant­wort­li­ch.[12]

Pha­se 3 – Das Regio­nal­ma­nage­ment Medi­a­s­pree e.V tritt auf den Plan

Zwi­schen 2005 und 2008, in der drit­ten Pha­se, wird der öst­li­che Spree­raum durch das Regio­nal­ma­nage­ment Medi­a­s­pree e.V. ver­mark­tet. Die­ser Zusam­men­schluss ver­schie­de­ner Inter­es­sen­grup­pen, mit öffent­li­chen För­der­mit­teln aus­ge­stat­tet, beglei­te­te die stadt­räum­li­che, sozia­le und wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung des Are­als[13]. Der Ver­ein, bestehend aus Grund­stücks­eig­nern, Pro­jekt­ent­wick­lern und Inves­to­ren, ergänzt um einen Bei­rat öffent­li­cher Akteu­re, nament­li­ch Bezirk, Senat und IHK, sah sei­ne Auf­ga­be in der Schaf­fung eines Netz­wer­kes inter­es­sier­ter Inves­to­ren sowie eines Stand­ort­in­for­ma­ti­ons­sys­tems.

Die Her­aus­ga­be des „mediaspree“-Magazins von 2005 bis 2008 sowie das online ver­füg­ba­re Infor­ma­ti­ons­sys­tem berei­ten die Grund­la­ge dafür, dass sich ein brei­ter öffent­li­cher Dis­kurs bil­den kann. Die Inter­net­sei­te des Regio­nal­ma­nage­ments ist seit der Auf­lö­sung des Regio­nal­ma­nage­ment zum 31.12.2008 nicht mehr erreich­bar.

Die Arbeit des Regio­nal­ma­nage­ments führt aber nicht nur zu ver­stärk­tem Inter­es­se ver­schie­de­ner Inves­to­ren und Ent­wick­ler, son­dern auch dazu, dass die Pla­nun­gen für den öst­li­chen Spree­raum im brei­te­ren öffent­li­chen Bewusst­sein ankom­men. Einen maß­geb­li­chen Wen­de­punkt in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung lösen die im März 2007 vom Regio­nal­ma­nage­ment ver­öf­fent­lich­ten Luft­bild­mon­ta­gen aus, die Visua­li­sie­run­gen aller zum dama­li­gen Zeit­raum geplan­ter Pro­jek­te im Spree­raum zei­gen.

Die­se Visua­li­sie­run­gen wer­den von allen Sei­ten mit wider­sprüch­li­cher Begeis­te­rung auf­ge­nom­men – für die Befür­wor­ter stel­len sie die Schön­heit und Kühn­heit einer neu­en Spree­land­schaft mit moder­ner Archi­tek­tur und wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung dar. In den Augen der Geg­ner fin­den alle bis­her geäu­ßer­ten Befürch­tun­gen in die­sen Bil­dern Aus­druck. Die Visua­li­sie­run­gen fin­den sich heu­te in ver­än­der­ter Form auf der Web­sei­te der Bür­ger­initia­ti­ve, sowie ver­schie­de­ner Hand­zet­tel und Pla­ka­te wie­der.

Der Pro­test mün­det in dem erfolg­rei­chen Bür­ger­be­geh­ren, „Spree­ufer für alle“, wel­ches im Juli 2008 mit 87% bei einer Wahl­be­tei­li­gung von 19% ange­nom­men wird und damit drei For­de­run­gen, die recht­li­ch einem BVV-Beschluss glei­chen, auf­stellt: Ers­tens ein Abstand für Neu­bau­ten von min­des­tens 50m jen­seits der Ufer der Spree, zwei­tens kei­ne Bebau­ung mit einer Trauf­hö­he von mehr als 22 m, was den For­de­run­gen des Plan­werks Innen­stadt ent­spricht und zuletzt die Aus­füh­rung der geplan­ten Brom­my­brü­cke als Steg für Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer statt als Auto­brü­cke.

Als Kon­se­quenz des Bür­ger­be­geh­rens wird weni­ge Tage spä­ter der BVV-Son­der­aus­schuss „Spree­raum“ ein­ge­rich­tet, der zwi­schen dem 24. Sep­tem­ber 2008 und dem 02. Dezem­ber 2009 regel­mä­ßig tagt. Gibt es anfangs noch Beden­ken betref­fend der Arbeit des Son­der­aus­schus­ses – neben den BVV-Frak­tio­nen sind vier Ver­tre­ter der Initia­ti­ve als Bür­ger­de­pu­tier­te beru­fen – stellt sich nach eini­ger Zeit ein inti­mes Arbeits­kli­ma ein. Füh­len sich Inves­to­ren und Ent­wick­ler anfangs noch wie vor einen Unter­su­chungs­aus­schuss beru­fen, ändert sich dies bald – auch, da sich der Son­der­aus­schuss hin­sicht­li­ch sei­nes kon­kre­ten Ein­flus­ses auf Bau­vor­ha­ben im Spree­raum als zahn­lo­ser Tiger erweist. Gera­de die gerin­gen Ein­fluss­mög­lich­kei­ten des Aus­schus­ses und die lang­wie­ri­gen Dis­kus­sio­nen, die am Ende nicht zur flä­chen­de­cken­den Ände­rung der Bebau­ungs­plä­ne oder Pro­jek­te füh­ren, sind am Ende der Grund, wes­halb sich die Initia­ti­ve frus­triert aus dem Aus­schuss zurück­zieht. Aller­dings stellt der Son­der­aus­schuss bis­lang die ein­zi­ge Platt­form dar, auf der ein mode­rier­ter Streit über die Pla­nun­gen und Ent­wick­lun­gen im Spree­raum kon­ti­nu­ier­li­ch statt­fand.

hase 4 – Die „O2 World“ heizt die Debat­te an

Mit dem Aus­lau­fen der För­de­rung des Regio­nal­ma­nage­ments Medi­a­s­pree e.V. Ende 2008 fin­det des­sen Arbeit ein jähes Ende. Die Auf­lö­sung des Regio­nal­ma­nage­ments Medi­a­s­pree e.V. mar­kiert, zumin­dest hin­sicht­li­ch der Debat­ten, Ver­hand­lun­gen und Infor­ma­tio­nen rund um den Spree­raum, den Beginn der vier­ten Pha­se. Eine wert­vol­le, wenn auch inter­es­sen­ge­färb­te Infor­ma­ti­ons­quel­le ver­schwin­det.[14] Dies führt heu­te zu gro­ßen Nach­fra­gen nach Infor­ma­tio­nen über Medi­a­s­pree, die für Neu-Inter­es­sier­te nicht mehr kon­zen­triert ver­füg­bar sind. Eini­ge neue Ange­bo­te im Inter­net ver­su­chen die­se Infor­ma­ti­ons­lü­cke wie­der zu schlie­ßen.

In räum­li­cher Hin­sicht und in der Wahr­neh­mung von „Medi­a­s­pree“ beginnt die vier­te Pha­se bereits frü­her mit dem Bau­be­ginn der „O2 World“ Ende 2007, obwohl die­ser zeit­li­ch noch in die drit­te Pha­se fällt. Der Bau der Mul­ti­funk­ti­ons­hal­le im inzwi­schen abge­räum­ten Kern­be­reich des Ent­wick­lungs­ge­bie­tes heizt die Debat­te erneut an. Die Hal­le für bis zu 17.000 Zuschau­er, bau­recht­li­ch eine Son­der­nut­zung, ist mit ihrer Grö­ße (Län­ge: 160m, Brei­te: 130m, Höhe: 35m) die zweit­größ­te Hal­le ihrer Art in Deutsch­land. In einer Info­bro­schü­re der AG Spree­ufer des Initia­tiv­krei­ses Medi­a­s­pree Ver­sen­ken! vom Mai 2010 heißt es: „die Hal­le lässt sich nur noch mit enor­men Frei­kar­ten­kon­tin­gen­ten fül­len und ist schwer defi­zi­tär“[15], basie­rend auf einer anony­men Quel­le. Soll­te dies nicht zutref­fen ist die Kri­tik an der Hal­le in vie­ler­lei Hin­sicht den­no­ch nicht unbe­rech­tigt.

Betrach­tet man die frü­hen Plä­ne des Ber­li­ner Senats und des Bezirks für die­ses Are­al wie sie im städ­te­bau­li­chen Wett­be­werb für das Umfeld des Ost­bahn­ho­fes erar­bei­tet wur­den, so fin­den sich im dar­aus her­vor­ge­gan­ge­nen Rah­men­plan eher kom­pak­te Block­rand­struk­tu­ren mit nur leich­ten Hoch­punk­ten an den soge­nann­ten Brü­cken­köp­fen, die jeweils die Ver­bin­dungs­stel­len zwi­schen Kreuz­berg und Fried­richs­hain mar­kie­ren sol­len. Schon kurz nach der Fest­le­gung des Rah­men­plans von 1993 wer­den die­se Visio­nen zu Guns­ten der Wün­sche von Inves­to­ren und Pro­jekt­ent­wick­ler – nicht immer ohne Pro­tes­te aus den Bezir­ken – auf­ge­ge­ben. Pro­jek­te wie Spree­si­nus zeu­gen davon. Zu die­ser Zeit ist das Gelän­de jedoch noch immer zu gro­ßen Tei­len von Gleis­an­la­gen und Lager­hal­len des Ost­gü­ter­bahn­hofs domi­niert und damit noch nicht ver­füg­bar. Erst als die Bahn­flä­chen weit­ge­hend brach lie­gen, ändert sich die Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ve. Mit dem Leit­bild Spree­raum Fried­richs­hain-Kreuz­berg fin­det ein Umden­ken in Art und Maß der Nut­zung statt: „Auf­grund sei­ner Zen­tra­li­tät und der erheb­li­chen Flä­chen­po­ten­zia­le eig­net sich der Spree­raum dar­über hin­aus als Stand­ort für gesamt­städ­ti­sch bedeut­sa­me Frei­zeit-, Sport und Kul­tur­ein­rich­tun­gen. Das neue Leit­bild ermög­licht die Ein­ord­nung eines Groß­vor­ha­bens.“[16]

Die „O2 World“ ist gen­au dies. Bau­li­ch – beson­ders an den drei „Neben­s­ei­ten“ — nicht gera­de ein Schmuck­stück, steht die Hal­le, ledig­li­ch von tem­po­rä­ren Park­plat­zen umge­ben, mit­ten in einer städ­te­bau­li­chen Lee­re. Die Anmu­tung des wie ein Raum­schiff gelan­de­ten Bau­vo­lu­mens der „O2 World“ hat­te sicher­li­ch einen nicht uner­heb­li­chen Ein­fluss auf das Abstim­mungs­ver­hal­ten beim Bür­ger­be­geh­ren und es ver­wun­dert nicht, dass die als gro­ßes Volks­fest geplan­te Eröff­nungs­fei­er auf­grund des mas­si­ven Pro­tests zu einer Far­ce geriet, bei der die gela­de­nen Gäs­te von Poli­zei­hun­dert­schaf­ten geschützt wer­den muss­ten, Tei­le des Stadt­raums weit­räu­mig abge­sperrt waren und das Maga­zin „Der Spie­gel“ den Pro­tes­ten am fol­gen­den Tag einen Arti­kel in sei­ner inter­na­tio­nal rezi­pier­ten eng­li­schen Online-Aus­ga­be wid­me­te[17].

Pha­se5 – Neue Initia­ti­ven

Das Ende des Son­der­aus­schuss „Spree­raum“ stellt den Auf­takt der fünf­ten Pha­se dar, die sich seit 2010 abzeich­net. Das Label „Medi­a­s­pree“ wird von Sei­ten der Inves­to­ren, Ent­wick­ler und des Senats schon seit der Auf­lö­sung des Regio­nal­ma­nage­ments nicht mehr öffent­li­ch wei­ter­ver­folgt. Ledig­li­ch Pres­se, Wis­sen­schaft und die ver­schie­de­nen Initia­ti­ven hal­ten den Begriff am Leben. Mit dem Ende des Son­der­aus­schus­ses als Dis­kus­si­ons­platt­form muss sich die Initia­ti­ve nun um eine neue bemü­hen. Für den Som­mer 2010 sind bereits neue Aktio­nen ange­kün­digt. Medi­a­s­pree ist, wie die Arbeit im Son­der­aus­schuss gezeigt hat, nicht so ein­fach zu ver­sen­ken, die geneh­mig­ten Vor­ha­ben sind wei­ter gül­tig. Der­weil wird die Pro­test­be­we­gung brei­ter. 2009 grün­det sich Megas­pree, ein Zusam­men­schluss der Kul­tur­schaf­fen­den im Spree­raum, der inzwi­schen weit über den Spree­raum hin­aus aktiv ist. Eine neue Initia­ti­ve, die eine gro­ße Pro­test­ver­an­stal­tung für den Som­mer 2010 plant, trat vor weni­gen Wochen auf den Plan und nennt sich „Medi­a­s­pree Entern!“[18]. Statt das Vor­ha­ben zum Schei­tern zu brin­gen, geht es nun dar­um das Ruder in die Hand zu bekom­men und wenigs­tens über die Rich­tung zu bestim­men.

Räum­li­ch zusam­men­ge­fasst drän­gen die Vor­ha­ben von Pha­se eins zu Pha­se fünf in den sehr gro­ßen, inzwi­schen abge­räum­ten Kern­be­reich des öst­li­chen Spree­raums vor. Die ers­ten Ent­wick­lun­gen gesche­hen am Rand. Die zwei­te Pha­se läu­tet die Stär­kung, Erwei­te­rung und Umwand­lung bestehen­der Struk­tu­ren auch im inne­ren Bereich ein, und der Umzug von Uni­ver­sal und MTV in den Ost­ha­fen pro­fi­lie­ren den Stand­ort als „Medi­en­stand­ort“. In der drit­ten Pha­se wer­den die bestehen­den Struk­tu­ren wei­ter ver­dich­tet, beson­ders zeigt sich dies in der Ver­dich­tung im Ost­ha­fen. In Pha­se vier drin­gen die Bau­vor­ha­ben erst­mals auch in das Kern­ge­biet vor.

Das Schwin­den der Zwi­schen­nut­zer

Wäh­rend nur schlep­pend mehr Bau­vor­ha­ben im öst­li­chen Spree­raum rea­li­siert wer­den, ist ein Rück­gang der Zwi­schen­nut­zun­gen zu beob­ach­ten. So wich der Strand am Spei­cher an der Ober­baum­brü­cke einem Park mit Anle­ger, Gas­tro­no­mie­pa­vil­lion und einer rie­si­gen inter­ak­ti­ven Wer­be­ta­fel für die O2 World. Das Gelän­de, auf dem der Park ange­legt ist, wur­de von der Anschutz Enter­tain­ment Group gekauft und als Aus­gleichs­maß­nah­me für die sehr hohe bau­li­che Dich­te, die im Mas­ter­plan für das Anschutz-Are­la geneh­migt wur­de zum Park gestal­tet und – bis auf die Flä­che des Anle­gers — der Stadt über­eig­net. Der Strand­markt an der Holz­markt­stra­ße räum­te bereits 2008 nach Kün­di­gung des Pacht­ver­tra­ges das Feld. Die Bar 25 ist nach lan­gen Ver­hand­lun­gen mit der Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gung, die bis vor Gericht führ­ten, mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nur noch bis August 2010 gedul­det, und das YAAM, eine gemein­nüt­zi­ge Kul­tur- und Jugend­ein­rich­tung, ist durch die Pla­nun­gen für das Colum­bus­haus, des­sen Bau­ge­neh­mi­gung gera­de ver­län­gert wur­de, bedroht. Eben­so droht dem Maria am Ost­bahn­hof ein bal­di­ger Umzug, nach­dem im letz­ten Moment zwar ein Ent­zug der Pla­nungs­ho­heit des Bezir­kes durch die Senats­ver­wal­tung abge­wandt wer­den konn­te, der Kom­pro­miss das bestehen­de Gebäu­de der Maria jedoch nicht berück­sich­tigt.

All die­se Ent­wick­lun­gen, Wahr­neh­mun­gen und Akti­vi­tä­ten zei­gen das beson­de­re Ver­hält­nis zwi­schen der loka­len und der gesamt­städ­ti­schen Bedeu­tung des Gebie­tes, ein Ver­hält­nis, das hier extrem ange­spannt ist. In der Ver­gan­gen­heit war das Gebiet – typi­sch für Was­ser­la­gen – eine Bar­rie­re zur übri­gen Stadt: Gewer­be­trie­be und Hafen­an­la­gen erschwe­ren oder machen den Zugang zum Was­ser unmög­li­ch. Inso­fern war das Gebiet eine Son­der­zo­ne mit zum Teil gesamt­städ­ti­scher Bedeu­tung. Heu­te geht es dar­um, die­se Bar­rie­re auf­zu­bre­chen, das Ufer durch einen öffent­li­chen Weg mit beglei­ten­den attrak­ti­ven Nut­zun­gen zu erschlie­ßen, die ehe­ma­li­ge Son­der­zo­ne mit den umlie­gen­den Quar­tie­ren zu ver­knüp­fen und eine neue Balan­ce zwi­schen gesamt­städ­ti­scher und loka­ler Bedeu­tung zu fin­den. Der räum­li­che Bezug zur Umge­bung ist aller­dings nicht über­all gleich: Städ­te­bau­li­ch stößt die Stadt auf der Kreuz­ber­ger Sei­te direkt an die Spree. Der­zeit las­sen bestehen­de und brach­ge­fal­le­ne gewerb­li­che und indus­tri­el­le Flä­chen und Gebäu­de den Zugang nur bedingt zu, wer­den die Flä­chen aber zugäng­li­ch, so wird die Spree ohne wei­te­re Bar­rie­ren für ein gan­zes Quar­tier erfahr­bar. Auf der Fried­richs­hai­ner Sei­te, hier ist der unmit­tel­ba­re, oft pro­vi­so­ri­sche Zugang zum Was­ser zwar durch die Zwi­schen­nut­zer bereits sehr viel wei­ter ent­wi­ckelt, schlie­ßen wei­te­re städ­te­bau­li­che Bar­rie­ren wie die Stadt­bahn­tras­se an. Die Was­ser­la­ge wird daher nur begrenzt in die anlie­gen­den Quar­tie­re hin­ein­wir­ken kön­nen. Nicht nur auf­grund der feh­len­den Zugän­ge, son­dern oft auch auf­grund feh­len­der Sicht­be­zü­ge und groß­räum­li­cher städ­ti­scher Bar­rie­ren.

Das Gebiet hat eine nicht zu über­se­hen­de gesamt­städ­ti­sche, ja über­re­gio­na­le Bedeu­tung: als Erho­lungs­flä­che, als Event-Ort, als Zen­trum spek­ta­ku­lä­rer, inter­na­tio­nal nach­ge­frag­ter Zwi­schen­nut­zun­gen, aber auch als Stand­ort für krea­ti­ve Wirt­schafts­un­ter­neh­men.[19] Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, eine ange­mes­se­ne Balan­ce zu fin­den. Und dafür bedarf es durch­aus eines Strei­tes, aber eines kon­struk­ti­ven Strei­tes.

Die neu­en Was­ser­la­gen bie­ten ein­ma­li­ge Nah­erho­lungs­flä­chen und Ange­bo­te nicht nur für die umlie­gen­den Quar­tie­re. Die „O2 World“ zieht ein über­re­gio­na­les Publi­kum an, und so umstrit­ten sie auch ist, mit der sehr guten Anbin­dung an das öffent­li­che Nah­ver­kehrs­netz ist der Stand­ort unter Gesichts­punk­ten wie Öko­lo­gie und Kli­ma­wan­del gese­hen lang­fris­tig sicher­li­ch nach­hal­ti­ger als ein Stand­ort auf der grü­nen Wie­se. Auch die zu Tech­no-Clubs umge­nutz­ten Heiz­kraft­wer­ke sei­en als Magne­ten erwähnt. Der auf dem ehe­ma­li­gen Wrie­ze­ner Bahn­hofs­ge­län­de befind­li­che Tech­no-Club Berg­hain wur­de 2009 von der bri­ti­schen Zeit­schrift DJ Mag zum bes­ten Club der Welt gekürt.[20] Ein­rich­tun­gen wie das YAAM, die umstrit­te­ne Bar 25 oder alter­na­ti­ve Wohn­pro­jek­te wie das Köpi haben, jeweils für ein spe­zi­el­les Publi­kum, stadt­wei­te, ja inter­na­tio­na­le Bedeu­tung. Zwi­schen­nut­zun­gen die­ser Art sind es, die unter ande­rem die Grund­la­ge für Ber­lins inter­na­tio­na­les Image als jun­ge, krea­ti­ve Kunst- und Kul­tur-Metro­po­le bil­den. Eini­ge die­ser Ein­rich­tun­gen benö­ti­gen drin­gend Ver­ste­ti­gung, ande­re leben gera­de von dem stän­di­gem Wech­sel an neue, noch unent­deck­te Orte.

Auf der gro­ßen Bra­che süd­öst­li­ch des Ost­bahn­hofs wird das Ver­hält­nis zwi­schen loka­ler und gesamt­städ­ti­scher Bedeu­tung beson­ders offen­sicht­li­ch. Dort befin­det sich die „O2 World“ im Umfeld einer gro­ßen Leer­flä­che, die stadt­räum­li­ch ein­ge­schnürt ist – nörd­li­ch durch die Stadt­bahn­tras­se, süd­li­ch – auf­grund feh­len­der Über­que­rungs­mög­lich­kei­ten – durch die Spree sowie west­li­ch und öst­li­ch durch Bahn­via­duk­te. Das dort geplan­te neue Quar­tier bedarf einer gewis­sen aut­ar­ken Nut­zungs­mi­schung, aber auch einer bes­se­ren Ver­knüp­fung mit der umge­ben­den Stadt, die Brom­my­brü­cke wäre hier eine offen­sicht­li­che Chan­ce. Ein sol­ches Quar­tier bedarf drin­gend mehr als nur Dienst­leis­tungs- und Büro­flä­chen. Ohne eine mas­si­ve Erhö­hung des Woh­nungs­an­teils in die­sem Bereich droht das Quar­tier nur zu Büro­zei­ten und jeweils zu Beginn und Ende einer Ver­an­stal­tung in der neu­en „O2 World“ belebt zu sein.

Neben dem Aspekt der Nut­zungs­mi­schung ist auch die Qua­li­tät des geschaf­fen öffent­li­chen Raums teil­wei­se frag­wür­dig. Wie im Fal­le des neu­en Hafen­plat­zes im Ost­ha­fen vor der Fern­seh­werft mit blin­den Fas­sa­den im Erd­ge­schoss. Hier ist es nur mit grö­ße­rem bau­li­chem Ein­griff noch mög­li­ch, aus dem als Park­platz genutz­ten Platz, der dazu noch kei­ne Ange­bo­te für die Öffent­lich­keit bie­tet, einen attrak­ti­ven Ort zu gestal­ten. Das The­ma der Gestal­tung des öffent­li­chen Rau­mes ist hier­bei ein zen­tra­les. Fin­den sich ent­lang des Ost­ha­fens der­zeit zwar nur weni­ge Ange­bo­te an die brei­te Öffent­lich­keit, so ist der öffent­li­che und gebau­te Raum in vie­len Berei­chen aber wenigs­tens so gestal­tet, dass hier zukünf­tig Ange­bo­te unter­ge­bracht wer­den kön­nen. Als Bei­spiel sei das umge­bau­te Lager­ge­bäu­de Labels I genannt, wel­ches die Ter­ras­sen der­zeit zwar nicht öffent­li­ch bespielt und somit kei­nen Ort zum län­ge­ren Ver­wei­len oder für Anwoh­ner und Spa­zier­gän­ger dar­stellt, lang­fris­tig aber sehr ein­fach eine attrak­ti­ve Was­ser­la­ge mit Cafes und Restau­rants wer­den kann. Eben­so der Neu­bau Labels II, der archi­tek­to­ni­sch zwar umstrit­ten ist, aber eben­falls nutz­ba­re Erd­ge­schoss­flä­chen anbie­tet. Die allei­ni­ge Gestal­tung des Rau­mes, wie vor den bei­den Labels–Bau­ten, ohne öffent­li­che Ange­bo­te ist momen­tan zu wenig, hat lang­fris­tig aber gro­ße Chan­cen.

Per­spek­ti­ven für den Spree­raum

Ob die For­de­rung des Bür­ger­be­geh­rens, einen Abstand von 50m zwi­schen Spree und Bebau­un­gen ein­zu­hal­ten, pau­schal sinn­voll bzw. nötig ist, bleibt zu bezwei­feln. Sicher ist, dass der geplan­te Ufer­strei­fen von nur 10m Brei­te und in der der­zeit sicht­ba­ren Aus­füh­rung nicht das Opti­mum des Mög­li­chen dar­stellt. Eine Gestal­tungs­sat­zung könn­te hier eine Mög­lich­keit bie­ten, die Ufer­be­rei­che — in Varia­tio­nen — ein­heit­li­ch zu gestal­ten. Eben­so ist es sicher­li­ch gera­de die Fol­ge unter­schied­li­cher Räu­me mit unter­schied­li­chen Qua­li­tä­ten und Ange­bo­ten, die den Ufer­weg nach­hal­tig zu einem belieb­ten Frei­zeit- und Nah­erho­lungs­ort wer­den lässt, auch bei beglei­ten­der, kom­pak­ter Bebau­ung.

Dass es nicht „die Gestal­tung“ der Was­ser­la­ge gibt, ver­steht sich von selbst. Wich­tig ist jedoch Ufer­la­gen zu gene­rie­ren, die ein hohes Maß an Auf­ent­halts­qua­li­tät für ein brei­tes Spek­trum an Nut­zern besit­zen. Je nach umge­ben­der Stadt­ge­stalt soll­ten die Ufer auch unter­schied­li­ch gestal­tet sein.

Anhand drei­er Bei­spie­le soll auf­ge­zeigt wer­den, dass es sehr unter­schied­li­che Qua­li­tä­ten sind, die einen Ufer­weg attrak­tiv und belebt machen kön­nen. Zuer­st der Ufer­be­reich gegen­über dem Schloss Bel­le­vue am Tier­gar­ten. Die abfal­len­de, durch eine Hecke getrenn­te Lie­ge­wie­se bie­tet genü­gend Schutz, um attrak­tiv zu sein, aber auch genü­gend Ein­seh­bar­keit, um nicht als unsi­che­rer, ver­wahr­los­ter Ort zu wir­ken. Gas­tro­no­mi­sche Ange­bo­te feh­len hier zwar voll­kom­men, die Qua­li­tät des Ortes allei­ne reicht aber, dass die­ser im Som­mer tags­über stark von Anwoh­nern genutzt wird. In den Abend­stun­den hat sich eine star­ke Nut­zung durch Jugend­grup­pen eta­bliert.

Dem­ge­gen­über steht die Gestal­tung des eher tou­ris­ti­sch und tran­si­tori­en­tier­ten Regie­rungs­vier­tels. Der Bereich gegen­über dem Haus der Kul­tu­ren der Welt, vor der „Bun­des­schlan­ge“, und eben­falls ohne gas­tro­no­mi­sche Ange­bo­te, lädt wenig zum Ver­wei­len ein. Grün­de hier­für sind die wenig vor Bli­cken geschütz­ten Lie­ge­wie­sen abseits des Was­sers und die schnell­stras­sen­ar­ti­ge Gestal­tung der Ufer­we­ge, auf denen Rad­fah­rer direkt vor den Füßen, der auf den Bän­ken ver­wei­len­den, vor­bei­rau­schen.

Bei­des sind Räu­me, in denen die Spree und ihre Ufer eher als Natur- und Land­schafts­räu­me ver­stan­den wer­den.

Ein drit­tes Bei­spiel zeigt die erfolg­rei­che Gestal­tung einer Ufer­pro­me­na­de im städ­ti­schen Kon­text: Mel­bour­ne Sou­th­bank. Dort ist die Ufer­zo­ne in ver­schie­de­ne Zonen geglie­dert. Stüh­le und Tische der Cafes, Bars und Restau­rants säu­men die ers­ten vier bis fünf Meter vor den Häu­ser­fas­sa­den, davor eine noch­mals unter­teil­te, ver­schat­te­te Pro­me­na­de und zuletzt ein etwas abge­senk­ter, von der Pro­me­na­de nicht ein­seh­ba­rer Ufer­be­reich direkt am Was­ser, der bei Hoch­was­ser geflu­tet wird und der ger­ne von Pär­chen und Jugend­li­chen genutzt wird, die sich den Bli­cken der Mas­se ent­zie­hen wol­len. Die­se etwa 25 Meter brei­te Pro­me­na­de bie­tet viel­fäl­tigs­te Auf­ent­halts­qua­li­tä­ten und spricht ein brei­tes Publi­kum an.

Es wird schnell klar, dass die Was­ser­la­gen im Ein­klang mit den spe­zi­fi­schen Gege­ben­hei­ten vor Ort gestal­tet wer­den muss. Die Was­ser­la­ge in durch­misch­ten, kom­pak­ten Quar­tie­ren bedarf einer ande­ren Gestal­tung als die in weit­läu­fi­gen natur­räum­li­chen Umge­bun­gen. Zwi­schen „Stadt­fluss­ufer“ und „Land­fluss­ufer“ befin­den sich vie­le Nuan­cen. Im öst­li­chen Spree­raum ist es nicht allei­ne die Aus­for­mung der Ufer­be­rei­che, son­dern viel­mehr die gesam­te Idee von Stadt, die hier ent­ste­hen soll, die auf Pro­test stößt. In einer Zeit in der funk­ti­ons- und sozi­al gemisch­te Quar­tie­re mit mensch­li­chem Maß­stab, klein­tei­li­ger Ent­wick­lung und hohem Gestal­tungs­an­spruch als zukunfts­fä­hig gel­ten, wir­ken die Medi­a­s­pree Plä­ne, wie ein Dino­sau­ri­er aus ver­gan­ge­nen Tagen.

Jen­seits von Pro­test und Debat­te über die Pla­nun­gen im Spree­raum ergibt sich vor dem Hin­ter­grund der aktu­el­len Wirt­schafts­kri­se eine ein­ma­li­ge Chan­ce. Es ent­steht ein Denk­raum, vie­le Pro­jek­te sind zwar geneh­migt, der Bau­be­ginn steht jedoch in den Ster­nen. Es ist daher noch Zeit erneut über die­sen beson­de­ren stra­te­gi­schen Ort in Ber­lin gen­au nach­zu­den­ken. Allei­ne der Mas­ter­plan für das Anschutz-Are­al hat mit fast 600.000 m² Brut­to­ge­schoss­flä­che auf 25 ha eine wesent­li­ch höhe­re Dich­te als die geplan­te Euro­pa­ci­ty an der Hei­de­stra­ße. Hier sind zwar eben­falls etwa 600.000 m² Brut­to­ge­schoss­flä­che geplant – dies aber auf einer Flä­che von 40 ha. Wei­ter­hin ist hier ein Woh­nungs­an­teil von etwa 30% vor­ge­se­hen.[21] Am Ost­bahn­hof heißt es also: vom Haupt­bahn­hof ler­nen. Die der wirt­schaft­li­chen Rezes­si­on geschul­de­te Ent­wick­lungs­pau­se kann posi­tiv genutzt wer­den, um mit Inves­to­ren, Grund­stücks­eig­nern und Ent­wick­lern gemein­sam über einen Mas­ter­plan für das Gesamt­ge­biet zu ver­han­deln. Hier­bei müss­ten nicht alle Pla­nun­gen über Bord gewor­fen wer­den, eine Abstim­mung der Nut­zun­gen und die Abstim­mung, wel­che Art von Stadt hier lang­fris­tig ent­ste­hen soll, könn­ten aber auch für der­zeit gestopp­te Pro­jek­te ein sinn­vol­ler Rich­tungs­wech­sel und eine Anpas­sung an die aktu­el­len Bedürf­nis­se sein.

Ber­lins attrak­ti­ve, beleb­te und durch­misch­te Stadt­quar­tie­re sind welt­weit Aus­hän­ge­schild der Stadt – und damit auch Anreiz für Unter­neh­men, sich hier zu enga­gie­ren. Unwirt­li­che und unbe­leb­te Quar­tie­re scha­den nicht nur dem Image der Stadt und füh­ren zu pro­ble­ma­ti­schen Stadt­räu­men. Lang­fris­tig scha­den sie eben­so den Fir­men, die sich an die­sen Orten ansie­deln und den Bau­her­ren, deren finan­zi­el­le Erwar­tun­gen sich nicht erfül­len. Gera­de vor dem Hin­ter­grund von Wirt­schafts­kri­se und geschei­ter­tem Son­der­aus­schuss braucht es nun eine neue Platt­form, auf der ein kon­struk­ti­ver Dia­log aller Betei­lig­ter über den öst­li­chen Spree­raum geführt wer­den kann. Hier­zu müs­sen alle Betei­lig­ten kom­pro­miss­be­reit sein und die Stadt als lebens­wer­ten und nach­hal­ti­gen Lebens- und Arbeits­raum ver­ste­hen und gestal­ten wol­len.

Der Spree­raum bie­tet die Chan­ce, den Umgang mit dem in Ber­lin noch jun­gen Instru­ment des Bür­ger­ent­scheids zu erpro­ben. Der Son­der­aus­schuss, in dem die Initia­ti­ve in die Dis­kus­si­on mit ein­be­zo­gen wur­de, war ein ers­ter Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Ohne eine pro­fes­sio­nel­le Bera­tung stell­te sich bei der in Ver­wal­tungs­pro­zes­sen und Ver­fah­rens­fra­gen uner­fah­re­nen Initia­ti­ve jedoch schnell eine oft zu beob­ach­ten­de Ernüch­te­rung und Ent­täu­schung ob der aus­blei­ben­den Erfol­ge ein. Dem Anschein, dass die Bür­ger­be­tei­li­gung nicht ern­st genom­men und durch Hin­hal­ten und Ver­stri­cken in poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen aus­ge­bremst wird, soll­te drin­gend ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den. Eine ein­lei­ten­de oder beglei­ten­de Bera­tung in Ver­fah­rens­fra­gen hät­te ein Ansatz für eine ernst­haf­te Inte­gra­ti­on der Bür­ger­de­pu­tier­ten im Son­der­aus­schuss sein kön­nen. Ein­zel­ne Nach­bes­se­run­gen an Vor­ha­ben im Spree­raum zei­gen, dass man über den Pro­test und die Ein­mi­schung glück­li­ch sein muss, die dadurch ent­stan­de­nen Dis­kus­sio­nen machen deut­li­ch, dass die Pla­nun­gen Defi­zi­te auf­wei­sen und bie­ten die Gele­gen­heit, nach­zu­bes­sern.

Auf Grund­la­ge des Vor­trags auf der C.E.U. Deutsch­land­ta­gung am 24./25. April 2009, Ber­lin: „Stra­te­gi­sche Orte in Ber­lin“

 

[1] Der Begriff Kon­ver­si­ons­flä­chen stammt aus dem Pro­zess der Umnut­zung von ehe­ma­li­gen Mili­tär­flä­chen (Kon­ver­si­on), wird in jüngs­ter Zeit jedoch aber auch auf ande­re Ent­wick­lungs­flä­chen ange­wandt, wie Gewer­be- Ver­kehrs- oder Dienst­leis­tungs­bra­chen. Im All­ge­mei­nen lässt sich die­ser Umwand­lungs­pro­zess auch als Flä­chen­re­cy­cling bezeich­nen (Vgl. Theiss, Alex­an­der: Inner­städ­ti­sches Brach­flä­chen­re­cy­cling als Aus­druck kom­ple­x­er gesell­schaft­l­ci­her und öko­no­mi­scher Wand­lungs­pro­zes­se. Selbst­ver­lag des Insti­tuts für Human­geo­gra­phie der Johann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt a.M., 2007, S.20).

[2] Vgl. Mey­er, Chris­ti­an: medi­a­s­pree e.v. – rück­bli­ck. In Regio­nal­ma­nage­ment medi­a­s­pree e.V. (Hg.): medi­a­s­pree maga­zi­ne, 2–2008: Wie geht es wei­ter?

[3] Vgl. Bür­ger­ent­scheid beim Bezirks­amt Fried­richs­hain-Kreuz­berg, http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/verwaltung/org/wahlamt/be_spree.html, 30.03.2010

[4] Vgl. Kerstin Koh­len­berg (2010). Ber­li­ner Luxus­im­mo­bi­li­en. Die Krie­ger von Kreuz­berg in DIE ZEIT, 25.02.2010, Nr. 09

[5] Vgl. www.brennende-autos.de, 25.03.2010

[6] Vgl. Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung im KATO am 18.12.2008, „Was kommt nach Medi­a­s­pree? Stadt­ent­wick­lung anders“. http://www.ms-versenken.org, 30.03.2010

[7] Vgl. Tobi­as Höp­ner (2005). Stand­ort­fak­tor Image. Image­pro­duk­ti­on zur Ver­mark­tung städ­te­bau­li­cher Vor­ha­ben am Bei­spiel von „Media-Spree” in Ber­lin. TU Ber­lin — ISR Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge

[8] Vgl. Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung (Hg.): Spree­raum Friedrichshain-Kreuzberg.Leitbilder und Kon­zep­te. Ber­lin 2001

[9] Vgl. Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung (Hg.): Spree­raum Friedrichshain-Kreuzberg.Leitbilder und Kon­zep­te. Ber­lin 2001

[10] Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung (Hg.): Ent­wick­lung der Ber­li­ner Was­ser­la­gen. Ber­lin, 2002

[11] Vgl. De:Bug: Uni­ver­sal Musik: Umzug von Ham­burch nach Ber­lin. Es ist beschlos­se­ne Sache: Ab 1. Juli 02 nutzt das Unter­neh­men das ber­li­na­le Flair., 2001. http://de-bug.de/musik/240.html, 30.03.2010

[12] Vgl. Tobi­as Rapp: Lost and Sound: Ber­lin, Tech­no und der Easy­jet­set. Sur­kamp Taschen­buch, 2009

[13] Vgl. http://www.xhain.info/mediaspree.htm, 30.03.2010

[14] Die Web­sei­te www.mediaspree.de unter der das Regio­nal­ma­nage­ment Medi­a­s­pree e.V. viel­fäl­ti­ge Infor­ma­tio­nen ange­bo­ten hat­te, u.a. ein Stand­ort­in­for­ma­ti­ons­sys­tem mit Eck­da­ten zu den ein­zel­nen Vor­ha­ben, wur­de kurz nach der Auf­lö­sung des Ver­eins vom Netz genom­men.

[15] Vgl. Initia­tiv­krei Medi­a­s­pree Ver­sen­ken! AG Spree­ufer (Hg.): Bilanz der Ver­hand­lun­gen im Son­der­aus­schuss Spree­raum von Okto­ber 2008 bis Sep­tem­ber 2009. Hintergründe/Vorschläge/Ergebnisse. Info­bro­schü­re, Mai 2010

[16] Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung (Hg.): Spree­raum Friedrichshain-Kreuzberg.Leitbilder und Kon­zep­te. Ber­lin 2001, S.25

[17] Vgl.Nolan, Rachel: Pro­tes­ters Crash Ber­lin Arena’s Opening Par­ty. In Spie­gel Online, 11.09.2008 http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,577656,00.html, Zugriff: 06.05.2010

[18] Vgl. http://mediaspreeentern.blogsport.de/, 01.04.2010.

[19] Vgl. Tobi­as Rapp : Lost and Sound: Ber­lin, Tech­no und der Easy­jet­set. Sur­kamp Taschen­buch, 2009

[20] Vgl. DJMAG.com. http://www.olddjmag.com/?op=top100club, 30.03.2010

[21] Vgl. Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung (Hg.) (2009). Mas­ter­plan Ber­lin Hei­de­stra­ße. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/downloads/heidestrasse_mp_72dpi.pdf, 30.03.2010

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