Perspektiven des Stadtumbaus

Harald Boden­schatz
Ver­öf­fent­licht in: architektur.aktuell 6.2003

Die Fach­welt ist sich einig: Wir erle­ben zur Zeit, so heißt es, einen „tief grei­fen­den Wan­del“ – weg von der Indus­trie­ge­sell­schaft, weg von der Fami­lie, weg von der Alters­py­ra­mi­de, weg von einer Gesell­schaft mit sta­bi­len Arbeits­ver­hält­nis­sen, weg von einer Pola­ri­sie­rung in „Ost“ und „West“, weg von einer Gesell­schaft, die durch loka­le Ereig­nis­se geprägt wird. Wo die Rei­se aber hin­geht, ist viel weni­ger deut­lich: Post­in­dus­tria­li­sie­rung, mehr und mehr Sin­gles, Über­al­te­rung, Wis­sens­ge­sell­schaft, Glo­ba­li­sie­rung – die­se belieb­ten Begrif­fe wei­sen in die Zukunft, ohne sie im Detail klä­ren zu kön­nen. Was heißt das für unse­re Städ­te? Wie und wo wer­den sie sich ändern müs­sen?

Stadtumbau als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel

Die Ant­wort zumin­dest der deut­schen Urba­nis­ten auf den weit­hin unbe­re­chen­ba­ren gesell­schaft­li­chen Wan­del heißt Stadt­um­bau. Ein Begriff, der vor weni­gen Jah­ren – außer im Zusam­men­hang mit dem „öko­lo­gi­schen Stadt­um­bau“ – noch kei­ne beson­de­re Bedeu­tung hat­te, heu­te aber in aller Mun­de ist. Eine erstaun­li­che Kar­rie­re! Beflü­gelt wur­de der Begriff durch ein staat­li­ches För­der­pro­gramm glei­chen Namens: „Stadt­um­bau Ost“ (seit 2002) und – weil es so gut ankommt – nun auch „Stadt­um­bau West“. Das Leit­bild für den Stadt­um­bau ist – wie alle städ­te­bau­li­chen Leit­bil­der – sehr schil­lernd: Ziel ist die „Ret­tung“ oder die (mehr oder min­der „kri­ti­sche“) Rekon­struk­ti­on der tra­di­tio­nel­len Stadt, der kom­pak­ten Stadt, bzw., wie ger­ne in Deutsch­land gesagt wird, der „euro­päi­schen Stadt“. Die tra­di­tio­nel­le Stadt ist weni­ger ein ana­ly­ti­scher Begriff als ein städ­te­bau­li­ches Pro­gramm. Ihr wer­den Merk­ma­le wie eine rela­tiv hohe bau­li­che Dich­te, ein ver­netz­tes Sys­tem öffent­li­cher Räu­me, eine sozia­le, funk­tio­na­le und archi­tek­to­ni­sche Mischung sowie eine räum­li­che Hier­ar­chie mit einem Zen­trum als Höhe­punkt zuge­schrie­ben. Die kon­kre­te euro­päi­sche Stadt ist in die­sem Sin­ne die mate­ri­el­le Inter­pre­ta­ti­on ihrer jeweils beson­de­ren Geschich­te, die es zu erhal­ten, an neue Anfor­de­run­gen anzu­pas­sen bzw. zu repro­du­zie­ren gilt. Die Beschwö­rung der tra­di­tio­nel­len Stadt ist zugleich eine Absa­ge an die Stadt der ”Nach­kriegs­mo­der­ne” und an die ”ame­ri­ka­ni­sche Stadt”.

Was ver­birgt sich aber prak­tisch hin­ter dem Begriff „Stadt­um­bau“? Damit sind heu­te fol­gen­de drei gro­ße Akti­ons­fel­der gemeint: ers­tens der Umbau der Zen­tren, lan­ge Zeit auch als „Revi­ta­li­sie­rung“ bezeich­net; zwei­tens der Umbau von brach gefal­le­nen, nicht mehr genutz­ten Flä­chen, ger­ne auch „Kon­ver­si­on“ genannt; sowie drit­tens der Umbau der gro­ßen, mono­funk­tio­na­len Sied­lun­gen des Sozia­len Woh­nungs­baus, frü­her als „Nach­bes­se­rung“ bekannt.

Im Mit­tel­punkt des öffent­li­chen Inter­es­ses steht der Umbau der Zen­tren der gro­ßen Städ­te. Wohin die­ser gehen wird, deu­tet sich bereits an: Das Groß­stadt­zen­trum der Zukunft wird das Zen­trum einer sub­ur­ba­ni­sier­ten Stadt­re­gi­on sein. Aber nicht als ein Frag­ment neben ande­ren, son­dern als Zen­trum neu­er Art, in dem sich die Sub­ur­ba­ni­ten zuhau­se füh­len. Dort fin­den sie ein­zig­ar­ti­ge Gebäu­de, die eine wenig auf­re­gend gestal­te­te sub­ur­ba­ne Land­schaft drin­gend benö­tigt, aber auch ein aus­ge­klü­gel­tes Ange­bot an Hoch­kul­tur, Unter­hal­tung und sel­te­nen Waren. Das neue Zen­trum ist ein Ort kon­stru­ier­ter Geschich­te, auf die eine geschichts­lo­se sub­ur­ba­ne Land­schaft ange­wie­sen ist, ein Ziel des Tou­ris­mus, und zwar nicht nur des welt­weit wach­sen­den Fern­tou­ris­mus, son­dern vor allem auch des sub­ur­ba­nen Lokal­tou­ris­mus. Im neu­en Zen­trum bal­len sich aus­ge­wähl­te Insti­tu­tio­nen der Pro­duk­ti­on von Wis­sen, der Ent­schei­dung und Krea­ti­vi­tät. Und es gibt sogar Platz und Hei­mat für Leu­te, die dort ger­ne woh­nen, auch alte Men­schen.

Damit ist zugleich das städ­te­bau­li­che Pro­gramm des Zen­trums­um­baus umris­sen: Der öffent­li­che Raum wird für Fuß­gän­ger wie­der gewon­nen, ver­schö­nert bzw. neu geschaf­fen. Spek­ta­ku­lä­re Enter­tain­ment- und Kul­tur­kom­ple­xe wer­den neu gebaut oder in his­to­ri­sche Gebäu­de implan­tiert. Die Nut­zun­gen wer­den bes­ser gemischt, vor allem wird auch in zen­tra­ler Lage attrak­ti­ver Wohn­raum für Bes­ser­ver­die­nen­de geschaf­fen. Das Zen­trum brummt rund um die Uhr („24-Stun­den-Stadt“), die Stadt ori­en­tiert sich – wo immer mög­lich – zum Was­ser, und sei es nur zu einem bra­cki­gen, nicht immer wohl­rie­chen­den Kanal. Das städ­ti­sche Grün wird erwei­tert und qua­li­fi­ziert. Schließ­lich wird das städ­te­bau­li­che Erbe sorg­fäl­tig gepflegt und mit his­to­ris­ti­schen Rekon­struk­tio­nen ange­rei­chert. Dazu kom­men Auf­se­hen erre­gen­den Neu­bau­ten, die bier­ernst oder fröh­lich Zukunfts­fä­hig­keit sym­bo­li­sie­ren.

Das zwei­te Top-The­ma des Stadt­um­baus betrifft die „Kon­ver­si­on“. In, am Ran­de und außer­halb der Innen­städ­te sind in den letz­ten Jahr­zehn­ten rie­si­ge Gebie­te brach gefal­len. Dabei han­delt es sich um ehe­ma­li­ge Bahn-, Indus­trie- und Gewer­be-, Hafen-, Mili­tär-, Mes­se- und Flug­ha­fen­flä­chen. Wie kön­nen die­se einer neu­en Nut­zung zuge­führt wer­den? Durch eine Aus­wei­tung der tra­di­tio­nel­len Stadt oder durch gänz­lich neue Struk­tu­ren?

Vor allem in Deutsch­land hat Stadt­um­bau seit kur­zem eine drit­te Bedeu­tung erhal­ten: die Anpas­sung der gro­ßen Wohn­quar­tie­re des indus­tria­li­sier­ten, sozia­len Mas­sen­woh­nungs­baus an ver­än­der­te Bedar­fe. Der „Stadt­um­bau Ost“ dient in ers­ter Linie dem Abbruch von „Plat­ten­bau­ten“, denen die Bewoh­ner abhan­den gekom­men sind. Stadt­um­bau heißt hier „Rück­bau“, also Abbau von nicht mehr nach­ge­frag­tem Woh­nungs­be­stand. Stadt­um­bau ant­wor­tet in die­ser Optik auf den dra­ma­ti­schen Ein­woh­ner­ver­lust, auf die „schrump­fen­de Stadt“. Rück­bau und städ­te­bau­li­che Inte­gra­ti­on der ehe­ma­li­gen Mas­sen­wohn­quar­tie­re sind die viel­leicht här­tes­te Her­aus­for­de­rung für die euro­päi­schen Städ­te, vor allem, aber nicht nur in Ost­eu­ro­pa.

Stadtumbau — dritte Phase der europäischen Stadterneuerung

Der aktu­el­le Stadt­um­bau lässt sich nur ver­ste­hen, wenn er in sei­ner Ent­wick­lung betrach­tet wird. Wäh­rend Stadt­er­neue­rung bis Anfang der 1970er Jah­re noch als Sanie­rung im Sin­ne einer radi­ka­len, auto­ge­rech­ten Neu­ge­stal­tung, Ter­tiä­ri­sie­rung und Auf­lo­cke­rung der über­kom­me­nen Innen­städ­te ver­stan­den und prak­ti­ziert wur­de, geriet die­se Kon­zep­ti­on („Kahl­schlag­sa­nie­rung“) wäh­rend der 1970er Jah­re in eine Kri­se und wur­de von einer stär­ker bau­lich wie sozi­al erhal­ten­den Stadt­er­neue­rung abge­löst. Für die ers­te Pha­se der Kahl­schlag­sa­nie­rung stan­den Erneue­rungs­ge­bie­te wie die Gor­bals in Glas­gow und das Sanie­rungs­ge­biet Wed­ding-Brun­nen­stra­ße in West-Ber­lin, für die zwei­te Pha­se der erhal­ten­den, „behut­sa­men“ bzw. „sanf­ten“ Stadt­er­neue­rung die his­to­ri­schen Zen­tren von Bolo­gna und Kra­kau sowie Stadt­er­wei­te­rungs­ge­bie­te aus der Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg etwa in Wien und Ber­lin. Das äußerst erfolg­rei­che Euro­päi­sche Denk­mal­schutz­jahr 1975 mar­kier­te den Höhe­punkt die­ses radi­ka­len Leit­bild­wan­dels.

Um 1980 zeich­ne­te sich eine drit­te Pha­se ab: die auf Neu- bzw. Umbau und Revi­ta­li­sie­rung set­zen­de gestal­ten­de Stadt­er­neue­rung, die spä­ter als Stadt­um­bau bezeich­net wur­de. Stadt­um­bau betrifft die mehr oder weni­ger har­te gestal­te­ri­sche Anpas­sung der bestehen­den Städ­te an ver­än­der­te Ver­hält­nis­se –und zwar in schrump­fen­den wie wach­sen­den Stadt­re­gio­nen. Der Über­gang von der erhal­ten­den Stadt­er­neue­rung zum Stadt­um­bau ging Hand in Hand mit der Neu­for­mie­rung der Akteu­re im Städ­te­bau sowie einer Neu­de­fi­ni­ti­on von Ver­lie­rern und Gewin­nern. Zu den ”Ver­lie­rern” gehö­ren min­der­be­mit­tel­te Stadt­bür­ger, zu den ”Gewin­nern” die mitt­le­ren Ein­kom­mens­schich­ten und pri­va­te Inves­to­ren. Denn die sozia­le Ori­en­tie­rung des euro­päi­schen Städ­te­baus änder­te sich wäh­rend der 1980er Jah­re radi­kal: Nicht mehr der Wider­stand gegen die Ver­drän­gung ärme­rer Schich­ten aus der Innen­stadt (ein zen­tra­les The­ma der 1970er Jah­re) steht im Vor­der­grund, son­dern das Rin­gen um Ver­bleib oder Rück­kehr bes­ser ver­die­nen­der Schich­ten. Die Mit­tel­schich­ten wer­den durch die Sire­nen des Stadt­um­baus umwor­ben – als Ein­woh­ner, Kon­su­men­ten und Besu­cher. Die­ser Wan­del äußert sich auch in neu­en Alli­an­zen und Inter­es­sen, der Künst­ler­ar­chi­tekt fei­ert sein Come­back auf Kos­ten des Par­ti­zi­pa­ti­ons­ar­chi­tek­ten und des Stadt­pla­ners. Dazu kam ein ten­den­zi­el­ler Ver­lust der Steue­rungs­kraft der öffent­li­chen Hand zuguns­ten neu­er For­men von public pri­va­te part­nership.

Kultereignisse, Kultorte, Kultbücher und Propheten des Stadtumbaus

Wie jede Pha­se der Stadt­er­neue­rung hat auch der Stadt­um­bau sei­ne gro­ßen The­men, Per­so­nen und Orte. Als spek­ta­ku­lär insze­nier­ter Auf­takt kann die Archi­tek­tur­bi­en­na­le in Vene­dig 1980 ange­se­hen wer­den, deren Mot­to – La pre­sen­za del pas­sa­to – Pro­gramm war. Gro­ße Events wie die Inter­na­tio­na­le Bau­aus­stel­lung in West-Ber­lin, die Olym­pia­de in Bar­ce­lo­na und die Welt­aus­stel­lung in Lis­sa­bon för­der­ten die Neu­ori­en­tie­rung des euro­päi­schen Städ­te­baus. Dar­über hin­aus war und ist das Pro­gramm der Kul­tur­haupt­städ­te Euro­pas ein wich­ti­ges Medi­um des Stadt­um­baus.

War die Archi­tek­tur­bi­en­na­le in Vene­dig die Ouver­tü­re, so brach­te der Stadt­um­bau von Bar­ce­lo­na den ent­schei­den­den Durch­bruch. Wie­der­ge­win­nung der vom Auto­ver­kehr bean­spruch­ten öffent­li­chen Räu­me, Ori­en­tie­rung der Stadt hin zum Was­ser, gro­ße Kul­tur­kom­ple­xe zur Revi­ta­li­sie­rung von Ver­falls­ge­bie­ten, Mischung der Nut­zun­gen, ins­be­son­de­re Um- und Neu­bau von Woh­nun­gen für die Midd­le Class, und nicht zuletzt ein neu­er, tra­di­tio­na­lis­ti­scher Respekt vor der Geschich­te, gepaart mit neo­mo­der­nis­ti­schen Ges­ten demons­tra­ti­ver Zukunfts­fä­hig­keit – damit waren die Schlüs­sel­the­men des Stadt­um­baus gesetzt, die die Fach­dis­kus­si­on nicht nur in Euro­pa, son­dern auch in Nord- und Süd­ame­ri­ka seit­her beherrsch­ten. Die ande­ren Kultor­te des Stadt­um­baus der 1980er Jah­re hul­dig­ten eben­falls die­ser neu­en Pro­gram­ma­tik: Paris mit sei­nen Grands Pro­jets (etwa dem Pro­jekt Grand Lou­vre) in einer sorg­fäl­tig gepfleg­ten tra­di­tio­nel­len Stadt, Salz­burg, das selbst­er­nann­te „Pro­jekt einer euro­päi­schen Stadt“ mit sei­nen sorg­fäl­tig ein­ge­pass­ten Neu­bau­ten und Lon­don mit den Groß­kom­ple­xen um den Bahn­hof Liver­pool Street. Selbst jen­seits des Atlan­tik wur­de umge­steu­ert: Die Land­ge­win­nung mit dem Aus­hub des World Tra­de Cen­ter bescher­te New York einen neu­en Stadt­teil, der den Stadt­um­bau in den USA maß­geb­lich beein­flus­sen soll­te: Bat­te­ry Park City in Down­town Man­hat­tan.

In den 1990er Jah­ren folg­ten wei­te­re, breit rezi­pier­te Pro­jek­te des Zen­trums­um­baus. Erin­nert sei nur an Lyon mit sei­nen auf­wen­di­gen Platz­um­ge­stal­tun­gen und sei­nem neu­en Kul­tur­tem­pel, an das Wie­ner Muse­ums­Quar­tier, die Revi­ta­li­sie­rung von Temp­le Bar in Dub­lin, die Fünf Höfe in Mün­chen, das neue Rat­haus­quar­tier in Inns­bruck, die Umge­stal­tung der öffent­li­chen Räu­me anläss­lich des Hei­li­gen Jah­res in Rom und nicht zuletzt an den Ber­li­ner Stadt­um­bau, etwa am Bei­spiel der Neu­fi­gu­rie­rung des Pari­ser, Leip­zi­ger und Pots­da­mer Plat­zes. In Lon­don beschleu­nig­te sich der Stadt­um­bau im Bereich der gro­ßen Bahn­hö­fe, aber auch am Pater­nos­ter Squa­re nörd­lich von St. Paul’s Cathe­dral. His­to­ris­ti­sche Rekon­struk­tio­nen wur­den in Mos­kau durch­ge­führt und in Ber­lin geplant.

Zwar hat­te Bar­ce­lo­na schon das The­ma der neu­en Nut­zung von Brach­flä­chen auf­ge­wor­fen – die­se Fra­ge wur­de aber in einer ande­ren Stadt bis ins Detail durch­buch­sta­biert: In Lon­don begann in den 1980er Jah­ren der Umbau der Dock­lands, das gewal­tigs­te Kon­ver­si­ons­pro­jekt Euro­pas, das heu­te schon weit fort­ge­schrit­ten ist. Das mit der City of Lon­don kon­kur­rie­ren­de Gebiet der Cana­ry Wharf ist das bekann­tes­te Pro­dukt die­ser Mega­kon­ver­si­on eines Hafen­ge­bie­tes in einen post­in­dus­tri­el­len Stadt­teil. Die Dock­lands kon­fron­tier­ten die euro­päi­sche Fach­welt mit einem neu­en Phä­no­men, das inzwi­schen All­tag gewor­den ist: mit der zuneh­men­den Schwä­chung der öffent­li­chen Hand im Städ­te­bau. Kon­ver­si­on ist vor allem auch pri­va­ter Städ­te­bau, aber nicht nur: Der neue Parc de la Vil­let­te in Paris war ein Mei­len­stein öffent­lich gesteu­er­ter Umnut­zung eines unter­ge­nutz­ten inner­städ­ti­schen Are­als. Er war zugleich ein Sym­bol für das zuneh­men­de Gewicht land­schafts­pla­ne­ri­scher Maß­nah­men im Stadt­um­bau.

In den 1990er Jah­ren nahm die Bedeu­tung von Kon­ver­si­ons­pro­jek­ten wei­ter zu. Ver­wie­sen sei auf die Neu­ge­stal­tung etwa der Hafen­flä­chen in Rot­ter­dam (Kop van Zuid), Car­diff, Genua, Lis­sa­bon, Van­cou­ver und Bue­nos Aires sowie auf den gro­ßen Plan einer Hafen­Ci­ty in Ham­burg. In der Tübin­ger Süd­stadt wur­de bei­spiel­haft ein ehe­ma­li­ges Kaser­nen­ge­län­de in ein misch­ge­nutz­tes Quar­tier klein­tei­lig in Regie der öffent­li­chen Hand trans­for­miert. Eines der größ­ten deut­schen Kon­ver­si­ons­pro­jek­te hin­sicht­lich alter Mili­tär­flä­chen fin­det sich in Pots­dam: der Umbau des Born­sted­ter Felds, der durch eine Bun­des­gar­ten­schau beschleu­nigt wer­den konn­te. Ein durch­schla­gen­der Erfolg war schließ­lich die Revi­ta­li­sie­rung des unter­ge­nutz­ten Süd­ufers der Them­se in Lon­don zwi­schen West­mins­ter und Tower Bridge.

Der Umgang mit den gro­ßen Kom­ple­xen des Sozia­len Woh­nungs­baus hat bis­lang kei­ne ver­gleich­ba­ren Vor­zei­ge­or­te geschaf­fen. Zwar gab es bereits in den 1980er Jah­ren zahl­rei­che Ver­su­che zur Sta­bi­li­sie­rung der städ­te­bau­lich wie gesell­schaft­lich pre­kä­ren Ver­hält­nis­se vor allem in fran­zö­si­schen, bri­ti­schen, skan­di­na­vi­schen und deut­schen Groß­sied­lun­gen. In der deut­schen Fach­welt fan­den die „Nach­bes­se­rung“ des Mär­ki­schen Vier­tels in Ber­lin und Kirch­dorf Süd in Ham­burg Beach­tung. In den 1990er Jah­ren erreg­te der abriß­ori­en­tier­te Umbau der Ams­ter­da­mer Groß­sied­lung Bijl­mer­meer inter­na­tio­na­les Auf­se­hen. Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung stell­te sich aber nach dem Fall des eiser­nen Vor­hangs im ehe­mals sozia­lis­ti­schen Euro­pa: Die Mas­sen­quar­tie­re des indus­tria­li­sier­ten Woh­nungs­baus ver­lo­ren an Anse­hen, ihr Umbau wur­de unaus­weich­lich. Der Wett­be­werb „Stadt­um­bau Ost“ in den neu­en deut­schen Bun­des­län­dern hat bereits eini­ge Pro­jek­te des Rück­baus von „Plat­ten­bau­sied­lun­gen“ bekannt gemacht, so etwa in Lei­ne­fel­de, Cott­bus, Hoyers­wer­da oder Schwedt. Und selbst der nach­ge­scho­be­ne „Stadt­um­bau West“ hat ein spek­ta­ku­lä­res Bei­spiel vor­zu­wei­sen: den Rück­bau der Groß­sied­lung Oster­holz-Tene­ver in Bre­men.

Wie jede Pha­se des Städ­te­baus hat auch der Stadt­um­bau sei­ne gelieb­ten oder weni­ger gelieb­ten Pro­phe­ten. Dazu gehö­ren in Eng­land Prince Charles und Richard Rogers, in Ita­li­en Pier Lui­gi Cer­vel­la­ti, in Spa­ni­en Ori­ol Bohi­gas, in Däne­mark Jan Gehl, in Hol­land (Nie­der­län­di­sches Wör­ter­buch) Rem Kool­haas, in Deutsch­land Die­ter Hoff­mann-Axt­helm, Andre­as Feldtkel­ler und Hans Stim­mann sowie – wider­spens­tig gegen jede natio­na­le Ver­or­tung – der Quer­den­ker Léon Kri­er. Arti­kel und Bücher die­ser Vor­den­ker wer­den hoch­ge­hal­ten oder ver­teu­felt, von man­chen sogar gele­sen, jeden­falls oft zitiert. Bei­spie­le hier­für sind „A Visi­on of Bri­tain“ (HRH The Prince of Wales, 1989), „Cities for a small pla­net“ (Richard Rogers, 1997), “Archi­tek­tur: Frei­heit oder Fata­lis­mus“ (Léon Kri­er, 1998), “Städ­te­bau: Viel­falt und Inte­gra­ti­on” (Andre­as Feldtkel­ler, 2001).

Eine neues Thema: Umbau der Stadtregion

Zwi­schen­stadt“ ist ein kul­tu­rel­ler Kampf­be­griff, der von dem deut­schen Stadt­pla­ner Tho­mas Sie­verts in die Dis­kus­si­on gebracht wor­den ist. Zwi­schen­stadt – so nennt Sie­verts die Räu­me zwi­schen den Städ­ten, Räu­me, die oft als Sub­ur­bia, als Orte der Zer­sie­de­lung bezeich­net wer­den. Es ist das Ver­dienst von Tho­mas Sie­verts, auf die Ver­nach­läs­si­gung des The­mas Sub­ur­bia in der fach­li­chen städ­te­bau­li­chen Dis­kus­si­on hin­ge­wie­sen zu haben. Ist es nicht völ­lig welt­fremd, so Sie­verts, der kom­pak­ten, euro­päi­schen Stadt zu hul­di­gen und zugleich die Ent­wick­lung der sub­ur­ba­nen Peri­phe­rie zu ver­dam­men? Ist nicht die Qua­li­fi­zie­rung der sub­ur­ba­nen Peri­phe­rie die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung für den Städ­te­bau von mor­gen? Die Debat­te, die die­ses Buch aus­ge­löst hat, zeigt deut­lich, wie wenig wir eigent­lich über Sub­ur­bia in Deutsch­land wis­sen. Anders als in den USA, Eng­land und Hol­land (Nie­der­län­di­sches Wör­ter­buch) gibt es bei uns nur sehr ver­ein­zel­te Stu­di­en über die Ent­ste­hung und die Wider­sprü­che des sub­ur­ba­nen Städ­te­baus.

Mit den neue­ren Debat­ten um Zwi­schen­stadt bzw. Sub­ur­ba­ni­sie­rung deu­tet sich eine vier­te Pha­se der Stadt­er­neue­rung an, die dem Stadt­um­bau eine neue Dimen­si­on geben könn­te: die Ori­en­tie­rung auf die gesam­te Stadt­re­gi­on und die Über­win­dung der iso­lie­ren­den Sicht jeweils nur auf die Innen­stadt, auf Kon­ver­si­ons­flä­chen, auf Groß­sied­lun­gen oder auf die Gebie­te sub­ur­ba­ner Zer­sie­de­lung. Ziel wäre per­spek­ti­visch der soli­da­ri­sche „Umbau“ der gesam­ten Stadt­re­gi­on. Der Streit dar­über, was das kon­kret heißt und wo die Prio­ri­tä­ten gesetzt wer­den, hat aller­dings noch gar nicht rich­tig begon­nen. Als ers­te Bei­spie­le in die­ser Rich­tung kön­nen die IBA Emscher Park im Ruhr­ge­biet und das Lang­zeit­pro­jekt „Indus­tri­el­les Gar­ten­reich“ in Sach­sen-Anhalt gel­ten.

Wohin die­se Debat­te pro­gram­ma­tisch wie prak­tisch füh­ren kann, zeigt der Blick über den Atlan­tik: In den USA hat sich bereits wäh­rend der 1990er Jah­re eine brei­te städ­te­bau­li­che Bewe­gung gegen die Zer­sie­de­lung, den „urban sprawl“, und für die Revi­ta­li­sie­rung der Innen­städ­te ent­fal­tet. Zumin­dest pro­gram­ma­tisch wur­de dort der Gegen­satz zwi­schen den Ver­tei­di­gern der „kom­pak­ten Stadt“ und den Pro­pa­gan­dis­ten der „Zwi­schen­stadt“ über­wun­den. Das Buch „The Regio­nal City“ von Peter Cal­t­hor­pe und Wil­liam Ful­ton (2001) ist ein Mani­fest der US-ame­ri­ka­ni­schen Anti-Sprawl-Bewe­gung. Ihr Ziel ist nicht die Qua­li­fi­zie­rung von Down­town oder Sub­ur­bia, son­dern die Qua­li­fi­zie­rung von Down­town und Sub­ur­bia in einem umfas­sen­den Kon­zept des Umbaus der Stadt­re­gi­on.

Literatur

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