New Urbanism – Bewegung und Strategie für die postmoderne Stadt

 

Harald Keg­ler
Bei­trag für die „Blaue Rei­he“, Uni­ver­si­tät Dort­mund — 2003

Der Sprawl – „Kampfbegriff“ des New Urbanism

The Sea­si­de Deba­tes: A Cri­ti­que Of The New Urba­nism by Todd Bres­si, Riz­zo­li (2002)

Eine der weit­rei­chends­ten urba­nis­ti­schen Visio­nen des 20. Jahr­hun­derts, die der Auf­lö­sung der Stadt, beginnt sich selbst aufzulösen.Der Traum von einer wahr­haft demo­kra­ti­schen Stadt, die Gleich­heit und Frei­heit für alle ermög­licht, soll­te in der dezen­tra­li­sier­ten Stadt ver­wirk­licht wer­den.

Visio­nä­re von Ebe­ne­zer Howard bis Frank Lloyd Wright ent­war­fen die Bil­der einer neu­en Stadt, die die alte urba­ne Struk­tur über­win­det zuguns­ten eines Sied­lungs­sys­tems, das über das gan­ze Land ver­teilt ist und eine Sym­bio­se von Haus und Land­schaft ermög­licht.

Die USA wur­den zum Inbe­griff die­ser Visi­on. Robert Fish­man nann­te eine sol­che Stadt „die befrei­te Mega­lo­po­lis“. (Fish­man 1991, 73 ff) Ins­be­son­de­re die alte Indus­trie­stadt mit ihrer Tei­lung in Zen­trum und Peri­phe­rie, mit Geschäfts­vier­tel, Wohn­be­rei­chen, Indus­trie- und Han­dels­zo­nen soll­te ersetzt wer­den durch eine gleich­mä­ßig besie­del­te Land­schaft, in wel­cher jeder Zugang zu den natür­li­chen Schön­hei­ten und den Res­sour­cen der Land­schaft hat. Vor­aus­set­zung für die­se demo­kra­ti­sche Teil­ha­be an der Land­nut­zung soll­ten die moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel sein – zunächst die Eisen­bahn und dann das Auto. Die Visi­on einer voll­kom­men dezen­tra­li­sier­ten „Stadt-Land­schaft“ ent­sprach in Ame­ri­ka dem Ver­ständ­nis der Pio­nie­re, die das Land nach des­sen Erobe­rung besie­del­ten. Sie woll­ten eine neue Ära der Stadt­ent­wick­lung ein­lei­ten, die sich von der des „alten“ Euro­pa, das sie ver­las­sen hat­ten, unter­schied: Kei­ne Hier­ar­chie, kein Zen­trum – Peri­phe­rie – Gefäl­le, kei­ne Steue­rung durch ein Macht­zen­trum son­dern freie Ent­schei­dung für jeden, sich anzu­sie­deln, wo er es woll­te als Aus­druck des „Ame­ri­can Way of Life“. (Hol­zer 1996, 119)

Damit gin­gen die Vor­stel­lun­gen weit über das hin­aus, was in Euro­pa unter Dezen­tra­li­sie­rung ver­stan­den wor­den war, näm­li­ch eine geord­ne­te Sub­ur­ba­ni­sie­rung von den Zen­tren aus, die auf ein klar hier­ar­chi­sch geglie­der­tes Sied­lungs­sys­tem abziel­te. Howard hat­te ein sol­che vor­ge­schla­gen, mit der das Begrün­der der Gar­ten­stadt die vor­han­de­ne Indus­trie­stadt über­win­den woll­te. Die Prag­ma­ti­ker der neu­en Dis­zi­plin Stadt­pla­nung, die inter­na­tio­nal um 1900 ent­stand, und der Gar­ten­stadt­be­we­gung sahen eine geziel­te Bil­dung von Satel­li­ten­städ­ten vor, die eine Tren­nung von Stadt und Land­schaft auf­recht erhielt und bei­des zugleich in neu­er Wei­se ver­knüp­fen soll­te. (Keg­ler 1987, 92) Die Groß­sied­lun­gen und Ein­fa­mi­li­en­haus­ge­bie­te der Nach­kriegs­zeit haben in nahe­zu allen Indus­trie­staa­ten Ernüch­te­rung auf­kom­men las­sen. Zer­sied­lung auf der einen Sei­te und Schrump­fung auf der ande­ren mar­kie­ren das Ende einer im wesent­li­chen auf indus­tri­el­lem Wachs­tum beru­hen­den Stadt­ent­wick­lung, und zwar in ähn­li­cher, wenn­gleich quan­ti­ta­tiv ver­schie­de­ner Wei­se in Euro­pa und den USA. (Mül­ler 2001, 35–38 sowie Sie­verts 2001, 14–17)

Wright griff die­se „Urvor­stel­lung“ des neu­en Ame­ri­ka in sei­ner Visi­on der „Broad­a­cres“ auf und ent­wi­ckel­te ein Bild der neu­en ame­ri­ka­ni­schen Stadt für das 20. Jahr­hun­dert – eine „Demo­cra­thy in Over­alls“, wel­ches eini­ge Gemein­sam­kei­ten mit den Prin­zi­pi­en der Char­ta von Athen auf­wies, doch wesent­li­ch kon­se­quen­ter eine ahis­to­ri­sche und gren­zen­lo­se Stadt­vor­stel­lung pro­pa­gier­te. (Wright 1960, 261–264) Es soll­te eine Stadt sein, die „über­all und nir­gends“ liegt – eine Stadt, die auf der „Dimen­si­on der Zeit und nicht mehr auf dem Raum auf­ge­baut ist“ (Fish­man 1991, 79) Dies setz­te vor­aus, dass jeder Ame­ri­ka­ner über ein Auto ver­fügt. Das Auto wur­de zum Schlüs­sel­mo­ment der Ent­wick­lung einer neu­en Stadt, bes­ser Stadt­land­schaft. Gleich­zei­tig soll­te die Unwirt­lich­keit der städ­ti­schen Rea­li­tät, mit ihren sozia­len Kon­flik­ten, dem neben­ein­an­der sozia­ler Grup­pen im öffent­li­chen Raum von Stra­ßen und Plät­zen, die Pro­ble­me des Aus­han­delns von Nut­zungs­ver­tei­lun­gen in urba­nen Struk­tu­ren, das eine Stadt­pla­nung und rea­le poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung not­wen­dig mach­te, durch „Boardacre“-City über­flüs­sig wer­den. Die unend­li­chen Wei­ten der USA boten (schein­bar) genü­gend Raum, um den kon­kre­ten städ­te­bau­li­chen über­win­den zu kön­nen.

Die atem­be­rau­ben­de Nai­vi­tät die­ser Vor­stel­lung ver­half ihr offen­bar zu gewal­ti­gem Erfolg. Das Nach­krieg­s­ame­ri­ka ver­füg­te über die Res­sour­cen, um die auto­ori­en­tier­te „sub­ur­ban Nati­on“ (Duany/Plater-Zyberk 2000, 86 ff) Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Auto und Ein­fa­mi­li­en­haus ersetz­ten zunächst in den Köp­fen und dann in der Wirk­lich­keit die rea­le Stadt. Die­se bei­den Wohl­stands­syn­ony­me avan­cier­ten zum Aus­druck des „Ame­ri­can Way of Life“. Die ent­ste­hen­de neue Stadt erhielt im Lau­fe der Zeit viel­fäl­ti­ge Namen: „Exurb, Spre­ad City, Urban Vil­la­ge, Mega­lo­po­lis, Out­town, Sprawl, Lurb, ‚The Burbs’, Non­pla­ce Urban Field, Poly­nu­clea­ted City und … Tech­no­burb“ (Fish­man 1991, 75).

Mit „Levit­town“, im Umfeld von New York, wur­de in den 50er Jah­ren der Pro­to­typ die­ser neu­en “Stadt“ gebo­ren – und nach 50 Jah­ren hat sich die­ser Typ zu einer „urba­ni­zed Area“, letzt­li­ch zur „sub­ur­ban nati­on“ aus­ge­wach­sen mit dem Ergeb­nis, dass die­se Vor­stel­lung des „Ame­ri­can Beau­ty“ sich all­mäh­li­ch in das Gegen­teil zu ver­keh­ren begann. Nicht erst seit den Amok­läu­fen von Schü­lern in Vor­or­ten von Denver/Bolder ist die sozia­le Pro­ble­ma­tik der selbst­ge­wähl­ten „Iso­la­ti­ons­haft“ im Ein­fa­mi­li­en­haus an der Sack­gas­se ‚in the cen­ter of now­he­re’, die jed­we­de Gemein­schaft­lich­keit ver­lo­ren hat (Kunst­ler 1993, 185) und in die sich inzwi­schen mehr als 60% der Ame­ri­ka­ner bege­ben haben, deut­li­ch gewor­den. Der „sub­ur­ban Sprawl“ wird zuneh­mend zu einem der zen­tra­len The­men der öffent­li­chen Debat­te.

Von Anbe­ginn der Debat­te über die Zukunft der ame­ri­ka­ni­schen Stadt kon­kur­rier­te die radi­ka­le Posi­ti­on eines Wright mit der der „City Beau­ty­ful“ – Bewe­gung, die sich seit der Jahr­hun­dert­wen­de vor­nehm­li­ch in den Küs­ten­re­gio­nen der USA ver­brei­tet hat­te. Zwar ver­folg­ten deren Ver­fech­ter auch eine Stadt, die sich mit der Land­schaft ver­eint, jedoch ging es ihnen stets um die Gestal­tung eines urba­nen Lebens­rau­mes und nicht um die Ablö­sung des­sen durch die Bewe­gung im Auto­mo­bil. Ihr Ziel bestand im Wan­del der vor­han­de­nen indus­tri­el­len Groß­stadt und in der Schaf­fung einer neu­en Land­schafts-Stadt. Dabei knüpf­ten sie aus­drück­li­ch an euro­päi­schen Tra­di­tio­nen der rea­len Gar­ten­stadt­be­we­gung, aber auch an denen der Land­schafts­kunst an. Wich­tigs­te Ver­tre­ter die­ser Bewe­gung waren Land­schafts­ar­chi­tek­ten wie Olm­stedt und Nolen, aber auch Deve­l­oper wie Mer­rick oder Stadt­pla­ner wie Burn­ham. Sie ent­war­fen Visio­nen und bau­ten Raum­struk­tu­ren, vom Land­schafts­park bis zur Gar­ten­stadt, von der urba­nen Was­ser­front bis zum groß­städ­ti­schen Zen­trum. Dabei grif­fen sie sowohl auf archi­tek­to­ni­sche Vor­bil­der aus Euro­pa, wie z. B. die spa­ni­sche Bau­kul­tur, als auch auf neue ame­ri­ka­ni­sche Aus­drucks­for­men wie den Art Deco zurück. In die­sen Tra­di­tio­nen lie­gen die Anknüp­fungs­punk­te für den heu­ti­gen New Urba­nism. (Lejeu­ne 2000, 71)

Nach den Erfah­run­gen, dass die Visi­on von Wright in den end­lo­sen „Mobi­le Home“ – Gebie­ten des mitt­le­ren Wes­tens oder den ste­reo­ty­pen Mit­tel­klas­se-Sied­lun­gen zwi­schen Chi­ca­go und Mia­mi ver­en­de­te und ande­rer­seits die Ide­en Olm­stedts in Gated Com­mu­nities der Ober­schich­ten oder den Kunst­ra­sen­land­schaf­ten der Vor­gär­ten­kul­tur ihre sinn­ent­leer­te Ver­wirk­li­chung fan­den, wird nun­mehr seit gut 10 Jah­ren unter dem Ban­ner eines „New Urba­nism“ die Qua­dra­tur des Krei­ses ver­sucht – in Ansät­zen durch­aus erfolg­reich: Es geht dabei um eine neue Stadt-Land­schaft, die aus dem Umbau der nahe­zu total sub­ur­ba­ni­sier­ten und einem nach wie vor unter star­kem Wachs­tums­druck lie­gen­den „Land­schaft“ zu gestal­ten wäre. In die­ser sol­len sich Ele­men­te ver­gan­ge­ner Hoff­nun­gen eben­so wie­der­fin­den wie neue Mög­lich­kei­ten, die die post­mo­der­ne Gesell­schaft zu bie­ten hat. Ein kon­sti­tu­ti­ves Moment ist dabei die bau­li­che RE-Urba­ni­sie­rung, die durch ein Kon­stru­ie­ren von städ­te­bau­li­cher Raum­kul­tur eine sozia­le wie ästhe­ti­sche Bin­dungs­kraft für die Bewoh­ner erzie­len soll. Tra­di­tio­nen, Nach­bar­schaft, Fuß­läu­fig­keit, funk­tio­nel­le Mischung, dif­fe­ren­zier­te Ange­bo­te an Wohn­for­men, Wie­der­ge­win­nung von urba­ner Kul­tur in brach­fal­len­den mon­o­funk­tio­na­len Gebie­ten wie Shop­ping-Cen­tres oder Infra­struk­turarea­len sind Kri­te­ri­en, die die Idea­le einer huma­nen Stadt wie­der erste­hen las­sen. Doch die­se Ansät­ze tref­fen auf eine Gesell­schaft, die es in wei­ten Tei­len ver­lernt hat, im offe­nen städ­ti­schen Raum zu leben und sich zu arti­ku­lie­ren. Es geht um den Ver­su­ch, durch städ­te­bau­li­che Mit­tel eine neue sozia­le Bin­dungs­kraft für die post­mo­der­ne Gesell­schaft zu ent­wi­ckeln. New Urba­nism ver­steht sich, bei aller Offen­heit der Zie­le, aber bei kla­rer Kri­tik an sub­ur­ba­nen Zustän­den, als Gegen­ent­wurf zum bis­he­ri­gen städ­te­bau­li­chen Aus­druck des „Ame­ri­can Way of Life“. (Char­ter 1999, 5–10)

Am Ende des 20 Jahr­hun­derts erlebt die Pola­ri­sa­ti­on in der Debat­te um die Zukunft der Stadt eine Wie­der­be­le­bung, wenn­gleich in neu­er kul­tu­rel­ler Kon­stel­la­ti­on. Es wird der Ver­su­ch gestar­tet, Poe­sie, mensch­li­che Dimen­si­on und Tra­di­ti­on in den Städ­te­bau zurück zu holen und damit eine Debat­te um den qua­li­ta­ti­ven Umbau des Sprawl ein­ge­lei­tet. Die­se Posi­ti­on des New Urba­nism deu­tet eine wich­ti­ge Rich­tung an: die Stadt­bau­kunst für die post­mo­der­ne Urba­ni­sie­rung neu zu erfin­den und der Ästhe­tik einer Stadt ohne Eigen­schaf­ten, wie sie Rem Kool­haas pro­gram­ma­ti­sch als Zukunfts­vi­si­on aus der neu­en Quan­ti­tät der urba­nen Archi­tek­tur der Groß­städ­te abge­lei­tet hat, eine ande­re, aber eben­so kon­stru­ier­te Zukunft für die Wei­ten des sub­ur­ba­ni­sier­ten Lan­des ent­ge­gen zuset­zen. (Speaks 2002, 67) 

New Urbanism: Bauprogramm und Bewegung

In den 1970er Jah­ren for­mier­ten sich Kri­ti­ker am Sprawl an der Yale-Uni­ver­si­tät und began­nen ers­te Kon­tu­ren einer Städ­te­bau­re­form zu ent­wi­ckeln. 1993 schließ­li­ch erfolg­te die offi­zi­el­le Grün­dung des „Con­gress for the New Urba­nism“ (CNU) und Flo­ri­da wur­de „the Sta­te of the New Urba­nism“ – eines der ers­ten Expe­ri­men­tier­fel­der der ent­ste­hen­den Bewe­gung. (Keg­ler 1998, 335 sowie Brain 2002, 1) Seit 1981 ver­füg­te die ent­ste­hen­de Bewe­gung über ein ers­tes Refe­renz­pro­jekt: Sea­si­de.

Mit Sea­si­de, der Resort City am Golf von Mexi­ko, tra­ten die Akteu­re des spä­te­ren New Urba­nism erst­mals an die Öffent­lich­keit. Die Mit­be­grün­der des CNU, Duany und Pla­ter-Zyberk, ent­war­fen den Mas­ter­plan. Im damals noch weit­ge­hend von Tou­ris­ten unbe­rühr­ten Pan­hand­le, dem Nord­wes­t­en Flo­ri­das, wur­de i. w. S. der Grund­stein für eine Umbau­stra­te­gie des sub­ur­ban Sprawl gelegt. Zugleich ist Sea­si­de von Anbe­ginn Gegen­stand hef­ti­ger Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Art der Reform, die Fol­gen des ein­ge­schla­ge­nen Weges oder die Aus­wir­kun­gen auf die Ent­wick­lung der „Regio­nal City“. Sea­si­de begann eine Art Labo­ra­to­ri­um leben­di­ger Aus­ein­an­der­set­zung um die Städ­te­bau­re­form dar. Die „Sea­si­de Deba­te“, ver­an­stal­tet vom Sea­si­de – Insti­tut, einer Art Begleit­in­sti­tut für die Pra­xis des New Urba­nism, ist bered­ter Aus­druck des­sen. (Bres­si 2002) Doch nicht nur die sicht­ba­ren und damit auch bewert­ba­ren Pro­jek­te des CNU heben Flo­ri­da als eine Hoch­burg des New Urba­nism und eben als ein Labo­ra­to­ri­um des Sub­ur­biaum­baus her­aus. Hier sind auch die wich­tigs­ten For­schungs- und Aus­bil­dungs­stät­ten kon­zen­triert. Neben der Uni­ver­si­tät Mia­mi, School of Archi­tec­tu­re, stel­len die staat­li­che Flo­ri­da Atlan­tic Uni­ver­si­tät sowie das New Col­le­ge of Flo­ri­da oder das Rol­l­ins Col­le­ge wich­ti­ge Stät­ten dar, die sich dem New Urba­nism wid­men. Doch im Lau­fe der 90er Jah­re hat sich New Urba­nism an vie­len ande­ren Uni­ver­si­tä­ten der USA plat­ziert und Kali­for­ni­en sowie Mary­land sind zu wei­te­ren wich­ti­gen Stand­bei­nen des New Urba­nism gewor­den.

Im Ver­lauf des prak­ti­schen Expe­ri­men­tie­rens haben sich fünf pla­ne­ri­sche Struk­tur­ele­men­te sowie vier wesent­li­che metho­di­sche bzw. instru­men­tel­le Bau­stei­ne des New Urba­nism her­aus­ge­bil­det:

Die Struk­tur­ele­men­te:
a) für den Sied­lungs­neu- bzw. Umbau im Wachs­tums­be­reich: die qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­rung des Sprawl durch „TND“ (Tra­di­tio­nal Neigh­bourhood Deve­lop­ment), d. h. die Wie­der­ent­de­ckung und Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Klein­stadt unter Bezug­nah­me auf Prin­zi­pi­en des Städ­te­baus vom Beginn des 20. Jahr­hun­derts in Euro­pa und den USA;
b) für den Umbau im Bestand: „Infill“, d. h. die Umwand­lung von brach­ge­fal­le­nen Area­len des Groß­han­dels, des Dienst­leis­tungs- und Ver­kehrs­sek­tor in fuß­gän­ger­ori­en­tier­te Misch­ge­bie­te mit gro­ßem Ver­dich­tungs­grad, bei wenig geschos­si­ger Bau­wei­se;
c) für die Aus­prä­gung von Rand­be­rei­chen: „Tran­sect“ und „Urban Grow­th Boun­da­ries“, d. h. die Aus­bil­dung von Über­gangs­zo­nen und Wachs­tums­gren­zen der bebau­ten Struk­tu­ren, die über meh­re­re Stu­fen bis in die geschütz­te bzw. abge­grenz­te Land­schaft rei­chen;
d) die Ent­wick­lung von neu­en Orten oder der Umbau bestehen­der an den Kno­ten­punk­ten des öffent­li­chen Ver­kehrs: „TOD“ (Tran­sit Ori­en­ta­ted Deve­lop­ment) und „Pede­stri­an Pockets“, d. h. die Stär­kung vor allem des schie­nen­ge­bun­de­nen Nah- und Fern­ver­kehrs und der Bau von neu­en Wohn- und Misch­ge­bie­ten an den Haupt­hal­te­stel­len, von denen dann Fuß­we­ge­net­ze mit soge­nann­ten „5-Minute-Walk“-Bereichen aus­ge­hen;
e) für die inte­gra­ti­ve Gestal­tung einer post­mo­der­nen Stadt­land­schaft: „Regio­nal City“, d. h., aus­ge­hend von der Tat­sa­che, dass das gan­ze Land „Stadt“ gewor­den ist, kommt es nun dar­auf an, die sub­ur­ba­ni­sier­ten Area­le über­grei­fend zu ver­net­zen und zu einer neu­en Stadt­qua­li­tät zu füh­ren, die kul­tu­rell, sozi­al und öko­lo­gi­sch lang­fris­tig trag­fä­hig ist.
(Ellin 1999, 93–99; Calthorpe/Fulton 2001, 30)

Auf der metho­di­schen bzw. instru­men­tel­len Ebe­ne haben sich fol­gen­de mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen­de Bau­stei­ne als die wesent­li­chen erwie­sen, mit denen Vor­ha­ben umge­setzt wer­den kön­nen:
a) das Ver­fah­ren der öffent­li­chen Betei­li­gung: „Char­ret­te“, d. h. ein Ver­fah­ren der zeit­li­ch begrenz­ten, radi­kal öffent­li­chen und streng umset­zungs­ori­en­tier­ten Betei­li­gung ver­schie­dens­ter Akteu­re eines Gebie­tes an der Pla­nung;
b) der Plan für die bau­li­che Ent­wick­lung bzw. den Umbau: der „Mas­ter­plan“, d. h. ein Rah­men­plan, der die haupt­säch­li­chen Kon­tu­ren der Ent­wick­lung bis auf die Ebe­ne der Bau­blö­cke und der Par­zel­len umreißt, dabei jedoch zukünf­tig ver­än­der­bar bleibt (also nicht wie ein deut­scher B-Plan fest­ge­setzt wird); der Mas­ter­plan ist zugleich das wich­tigs­te Arbeits­in­stru­ment der Char­ret­te;
c) das Regel­werk für die bau­li­che Umset­zung: der „Urban Code“, wel­cher die Typo­lo­gie der Bau­ten, aber auch die Gestal­tung der Frei­räu­me, der Stras­sen- und Fuß­we­ge­net­ze sowie der Plät­ze im Sin­ne eines ver­bind­li­chen Rah­mens regelt, der Code wird in den Kon­tu­ren eben­falls im Char­ret­te-Ver­fah­ren aus­ge­han­delt und dann admi­nis­tra­tiv fest­ge­schrie­ben wird, er stellt den kom­ple­men­tä­ren Teil zum Mas­ter­plan dar;
d) die Umset­zungs­part­ner­schaft: „Pri­vat-Public-Part­nership“, d. h. die im gesam­ten Ver­fah­ren ange­leg­te Umset­zungs­ori­en­tie­rung unter Markt­be­din­gun­gen setzt die direk­te Betei­li­gung der Markt­ak­teu­re (Deve­l­oper) vor­aus; damit wird eine Form demo­kra­ti­scher Betei­li­gung ver­folgt, die die Rea­li­sier­bar­keit am Markt zur Bedin­gung hat und zugleich über die Char­ret­te und den Mas­ter­plan eine Chan­cen­gleich­heit aller inter­es­sier­ten Akteu­re, ein­schließ­li­ch der öffent­li­chen Hand ermög­licht.
(Duany/Plater-Zyberk 1992, 21–24; Dut­ton 2000, 150 ff sowie Kunst­ler 1993, 249–267

Die ide­el­le Grund­la­ge für den New Urban­sim bil­det die 1996 beschlos­se­ne Char­ter for the New Urba­nism , die auf den räum­li­chen Ebe­nen vom Baublo­ck über die Stadt bis zur Metro­pol­re­gi­on Hand­lungs­grund­sät­ze dar­legt. Sie umrei­ßen sehr detail­liert das, was in Euro­pa mit nach­hal­ti­ger Stadt­ent­wick­lung zu umschrei­ben wäre, aller­dings sehr viel umset­zungs­ori­en­tier­ter und zugleich so offen, dass eine brei­te Koali­ti­on für eine Städ­te­bau­re­form ermög­licht wer­den kann. (CNU 1999, 13 ff) Das macht natür­li­ch die Bewe­gung auch angreif­bar. Ande­rer­seits wer­den damit „Lager­kämp­fe“ in iso­lier­ten Krei­sen mini­miert und kon­tro­ver­se Debat­ten in das Forum des CNU hin­ein­ge­holt, was die inne­re Leben­dig­keit der Bewe­gung erhält. Die Art der Orga­ni­sa­ti­on des CNU in Form eines per­ma­nen­ten Kon­gres­ses, der jähr­li­ch zu Gene­ral­ver­samm­lun­gen an ver­schie­de­nen Orten der USA zusam­men­trifft unter­stützt die­sen offe­nen Cha­rak­ter. Hier fin­den sich die der­zeit ca. 2000 Mit­glie­der quer durch die Dis­zi­pli­nen wie­der: Vom Archi­tek­ten über den Deve­l­oper und Umwelt­ak­ti­vis­ten bis zum Poli­ti­ker und Ver­kehrs­pla­ner reicht das Spek­trum.

Fügt man das Bild des Spek­trums rea­li­sier­ter Pro­jek­te zusam­men, so erge­ben sich ers­te Kon­tu­ren eines offe­nen Bau­pro­gramms, das die Rich­tung der Reform erkenn­bar wer­den lässt. (Calthorpe/Fulton 2001, 105 ff) Kei­nes der Pro­jek­te erfüllt alle For­de­run­gen, wie sie in der Char­ta des CNU auf­ge­stellt wer­den, ide­al­ty­pi­sch. Der zunächst vor­nehm­li­che Adres­sat die­ser Pro­jek­te ist die wei­ße Mit­tel­klas­se – auch einer der durch­aus ver­ständ­li­chen Kri­tik­punk­te am New Urba­nism. Der Hin­ter­grund die­ser Ori­en­tie­rung ist, dass der New Urba­nism als Pla­nungs­sys­tem ledig­li­ch die Markt­prä­fe­ren­zen der Akteu­re des Mark­tes beein­flus­sen kann und will. (Hall/Pfeiffer 2000, 384) Refor­men blei­ben an den Rah­men der Markt­ver­hält­nis­se gebun­den und die­se sind in den USA weit strin­gen­ter und in grö­ße­rem Maße staats­fern als das in Deutsch­land der Fall ist. Bis auf ein staat­li­ches För­der­pro­gramm für sozia­len Woh­nungs­bau, HOPE VI, das für beson­ders pro­ble­ma­ti­sche Gebie­te auf­ge­legt wur­de und wel­chem sich der New Urba­nism auch wid­met, gibt es kei­nen staat­li­ch beför­der­ten Städ­te­bau. Sol­len also Refor­men grei­fen, müs­sen zunächst die haupt­säch­li­chen Trä­ger des „Ame­ri­can Way of Life“, eben jene wei­ßen Mit­tel­schich­ten, ange­spro­chen wer­den. Erst wenn sich hier eine Wen­de am Markt voll­zieht, fol­gen ande­re sozia­le Grup­pen, so die zen­tra­le The­se des CNU. (Boden­schatz 2000, 29)

Mit der inzwi­schen kom­pak­ten Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und einem brei­ten prak­ti­schen Anwen­dungs­feld der Ide­en des New Urban­sim sind güns­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen gege­ben für die schritt­wei­se Durch­set­zung von Refor­men. Doch darf nicht über­se­hen wer­den, dass die rea­le Aus­brei­tung des Sprawl in den USA der­zeit noch ungleich dyna­mi­scher ver­läuft als die Zunah­me von New Urba­nism-Pro­jek­ten. Der weit größ­te Teil des Gebau­ten wird immer noch im Sin­ne der „Subdivision“-Planung für den Sprawl gebaut – 10 Jah­re Reform sind noch nicht viel Zeit für die Ver­än­de­rung des Mark­tes. (Dia­ler 2002, 35–36)

New Urbanism: privater Städtebau zwischen Umbau des Sprawl und Regional City

Zwei Bei­spie­le aus Flo­ri­da ver­deut­li­chen die Pole, zwi­schen denen sich zukünf­tig die Ver­su­che zur qua­li­ta­ti­ven Steue­rung des Wachs­tums bewe­gen wer­den: Hail Vil­la­ge Cen­ter, ein New Urban­sim — Pro­jekt in der Nähe von Gains­vil­le, und das „Regio­nal City“ -Pro­jekt der St. Joe Ent­wick­lungs­ge­sell­schaft für den Nord­wes­t­en Flo­ri­das.

Seit Ende der 70er Jah­re wur­de unweit der Uni­ver­si­täts­stadt Gai­nes­vil­le ein 1700-acre Wohn­ge­biet, Hai­le Plan­ta­ti­on, nach den für Sub­di­vi­si­ons übli­chen Prin­zi­pi­en des auto­ori­en­tier­ten Ein­fa­mi­li­en­haus­baus erschlos­sen. Vor­ran­gig Ange­stell­te der Uni­ver­si­tät zogen hier ein. Seit Anfang der 90er Jah­re begann der Bau eines Zen­trums durch den Deve­l­oper ver­sucht, der einem neu­en Kon­zept folg­te und nicht den Super­markt mit rie­si­gem Park­platz errich­ten woll­te. Das Zen­trum soll­te als Klein­stadt­stras­se implan­tiert wer­den und ent­lang dif­fe­ren­zier­ter Platz­fol­gen eine Mischung an öffent­li­chen Nut­zun­gen, wie Geschäf­te, Restau­rants, Pen­sio­nen, das Rat­haus mit einem öffent­li­chen Ver­samm­lungs­saal und Dienst­leis­tungs­ein­rich­tun­gen in den Erd­ge­schoss­zo­nen sowie Wohn­an­ge­bo­te für unter­schied­li­che Bewoh­ner­grup­pen in zwei­ge­schos­si­gen Rei­hen­häu­sern beinhal­ten. Das Zen­trum umfasst ca. 50 acre und ist kon­se­quent fuß­läu­fig zu erschlie­ßen. Die von den Stadt­pla­nern Kramer und Kas­kel ent­wor­fe­ne roman­ti­sche Stra­ßen­füh­rung erin­nert an eine Renais­sance der Stadt­bau­kunst um 1900. Doch die his­to­ri­schen Vor­bil­der allein tau­gen nur soviel, wie sie für die sozia­le und die Markt­si­tua­ti­on um 2000 pla­ne­ri­sch neu inter­pre­tiert wer­den kön­nen. Dies ist in Hai­le Vil­la­ge Cen­ter gelun­gen. Das inzwi­schen fer­tig gestell­te Implan­tat wirkt fremd in den Wei­ten des Sprawl um Gains­vil­le und wur­de des­halb zunächst zöger­li­ch ange­nom­men. Schließ­li­ch hat es sich durch­ge­setzt. (Bodenschatz/Kegler, 2000:52–54)

Gleich­zei­tig besteht wei­ter­hin der Expan­si­ons­druck. Einen Weg, die­sen in qua­li­ta­tiv neue Bah­nen zu len­ken und auf die­se Wei­se öko­no­mi­sch zu ver­wer­ten, beschrei­tet die St. Joe Com­pany, der größ­te Land­be­sit­zer der USA, mit Sitz in Jack­son­vil­le, Flo­ri­da. Her­vor­ge­gan­gen aus einem Forst- und Holz­ver­ar­bei­tungs­un­ter­neh­men, betreibt die­se Gesell­schaft über eine Rei­he von Toch­ter­un­ter­neh­men pri­va­te Regio­nal­ent­wick­lung. Fak­ti­sch der gesam­te Nord­wes­t­en des Bun­des­staa­tes Flo­ri­da wird durch St. Joe ent­wi­ckelt. Das Unter­neh­men ver­folgt dabei einen sehr kom­ple­xen Mar­ke­ting­an­satz. Es geht nicht nur um Erschlie­ßung und Ver­mark­tung von Bau­flä­chen, son­dern um einen holis­ti­schen Ansatz: Von der Infra­struk­tur, über Natur­schutz bis zum Bau und Betrieb von Resort-Cities, vom Flug­platz­bau bis zu Rena­tu­rie­run­gen reicht das Spek­trum der Ent­wick­lungs­tä­tig­keit des Unter­neh­mens. Der Staat hat sich auf die Rol­le des Fest­set­zens von Gren­zen für den Ver­brauch natür­li­cher Res­sour­cen, ins­be­son­de­re die Was­ser­ein­zugs­ge­bie­te und eini­ge Natur­re­ser­va­te, sowie auf die Aus­wei­sung von Mili­tär­ba­sen und Bun­des­stras­sen beschränkt. Alles ande­re ent­wi­ckelt St. Joe.

Kern des regio­na­len Ent­wick­lungs­pro­gramms ist eine Kas­ka­de von 15 Resort-Cities ent­lang der Golf­küs­te, die weit­ge­hend im Bau sind. Die­se grei­fen vie­le der Prin­zi­pi­en des New Urba­nism auf. So wer­den sepa­rier­te Klein­städ­te und kei­ne Hotel­land­schaf­ten errich­tet, Natur­schutz­ge­bie­te als Puf­fer­zo­nen ange­legt und Fuß­läu­fig­keit garan­tiert. Dazu kom­men Dienst­leis­tungs­zen­tren und ein Regio­nal­flug­platz sowie eine Rei­he von Wohn­an­la­gen, die – und das ist bemer­kens­wert — sowohl als Sub­di­vi­si­on (z. B. James Island) als auch als „Tra­di­tio­nal Neigh­bourhood Development“-Anlagen des New Urba­nism aus­ge­bil­det wer­den — je nach Markt­la­ge. Es ist eine „Regio­nal City“ im Bau, die ein Stadt­wachs­tum jen­seits des Sprawl ver­folgt – ein Mus­ter­land der Frei­zeit­wirt­schaft für den wei­ßen Mit­tel­stand. Das Durch­set­zen von neu­en städ­te­bau­li­chen Prin­zi­pi­en gerinnt zum sozia­len Balan­ce­akt. Die regio­na­le Ent­wick­lung durch gro­ße Deve­l­oper stellt eine der wich­tigs­ten Her­aus­for­de­run­gen, mit Chan­cen, aber auch Risi­ken einer „neofeu­da­len Ent­wick­lungs­steue­rung“ dar. Das hat der X. Kon­gress des New Urba­nism in Mia­mi 2002 kon­tro­vers erör­tert. (www.cnu.org , www.joe.com)

Ein Fazit:

Der Aus­gang des Expe­ri­ments eines „New Urba­nism“ ist offen. Dar­in liegt eine Stär­ke der sich eta­blie­ren­den Städ­te­bau-Reform-Bewe­gung. New Urba­nism ist einer sek­ten­haf­ten Abschot­tung in iso­lier­te Fach­zir­kel abhold. Die Bewe­gung hat eine Struk­tur auf­ge­baut, die es ihr ermög­licht, effi­zi­ent über Dis­zi­plin­gren­zen hin­weg zu kom­mu­ni­zie­ren, sich eine media­le Öffent­lich­keit zu schaf­fen, durch gebau­te „Pro­duk­te“ Refe­ren­zen zu erzeu­gen, neue Ver­fah­ren einer akti­vie­ren­den Betei­li­gung ganz unter­schied­li­cher Markt­ak­teu­re am Pla­nungs­pro­zess zu ent­wi­ckeln, sich über ver­schie­de­ne Insti­tu­tio­nen zu repro­du­zie­ren und sich selbst kri­ti­sch vor­an zu trei­ben. Die Archi­tek­tur ist am Markt ori­en­tiert, was für euro­päi­sche Augen bis­wei­len befremd­li­ch wirkt. Doch der Städ­te­bau wird als domi­nan­tes öffent­li­ches Gut strikt einem – öffent­li­ch erar­bei­te­ten- Code unter­wor­fen, der eine Art Qua­li­täts­si­che­rung für den Raum dar­stellt, was inzwi­schen auch vie­le Deve­l­oper als ertrags­si­chern­des Ele­ment erkannt haben.

In den USA lau­fen Ent­wick­lun­gen ab, die in vielem etwas vor­weg neh­men, was auch in Euro­pa z. T. in abge­mil­der­ter Form statt­fin­den wird. Euro­pa kann aus einem rei­chen Erfah­rungs­schatz der städ­te­bau­li­chen und regio­na­len Ent­wick­lung ins­be­son­de­re der Revi­ta­li­sie­rung alt­in­dus­tri­el­ler Area­le, des Umgangs mit Stadt­zen­tren oder der Ent­wick­lung eines wirk­sa­men öffent­li­chen Nah­ver­kehrs sowie einer Hoch­bau­kul­tur eini­ges in einen mög­li­chen Dis­kurs ein­brin­gen. Umge­kehrt sind die Erfah­run­gen aus den USA im Umgang mit einer der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der Stadt­ent­wick­lungs­po­li­tik, dem Sprawl, unter den Bedin­gun­gen des Über­gangs zu einer post­in­dus­tri­el­len und zugleich ver­mehrt pri­vat betrie­be­nen Stadt­ent­wick­lung für eine Qua­li­fi­zie­rung eige­ner Stra­te­gi­en in Deutschland/Europa außer­or­dent­li­ch nütz­li­ch, ohne mecha­ni­sch kopier­bar zu sein. Z. B. könn­te eines der wich­tigs­ten Ele­men­te des New Urba­nism, das Char­ret­te-Ver­fah­ren, für die Betei­li­gung von Bewoh­nern beim Stadt­um­bau von Inter­es­se sein. Ers­te Ver­su­che dies auf die Bedin­gun­gen der schrump­fen­den Städ­te in Ost­deutsch­land anzu­wen­den ver­lie­fen erfolg­reich. (www.dr-kegler.de , www.charrette.de) Beson­ders wich­tig ist jedoch die Erfah­rung beim Auf­bau einer öffent­li­chen Bewe­gung für die Reform des Städ­te­baus, wie sie der CNU dar­stellt. (Boden­schatz 2003, 278/279)

Mit dem ers­ten Euro­pean Coun­cil für einen EURBANISM, der Anfang April in Brüs­sel als loser Kreis von etwa 100 Ver­tre­tern unter­schied­li­cher Sicht­wei­sen auf eine Städ­te­bau­re­form zusam­men­ge­tre­ten ist, voll­zog sich ein ers­ter Schritt zur For­mie­rung einer euro­päi­schen Bewe­gung.

 

Anlage:

Sechs The­sen für das ers­te trans­at­lan­ti­sche Tref­fen für eine Städ­te­bau­re­form in Brüs­sel im April 2003:

EUR­ba­nism and New Urba­nism
Harald Bodenschatz/Harald Kegler/Karl-Heinz Maschmei­er

Wir plä­die­ren für den Auf­bau einer star­ken Bewe­gung des euro­päi­schen Städ­te­baus, des EUR­ba­nism, und einen inten­si­ven Dia­log zwi­schen dem New Urba­nism und dem EUR­ba­nism auf der Basis der jewei­li­gen Erfah­run­gen.

1. The­se:
New Urba­nism bie­tet dem euro­päi­schen Städ­te­bau sehr vie­le Anre­gun­gen. Nicht nur hin­sicht­li­ch der prak­ti­schen Pro­jek­te und des Pro­gramms, son­dern auch hin­sicht­li­ch Insti­tu­ti­on, Dis­kurs und Stra­te­gie – also als Reform­be­we­gung.

2. The­se:
Euro­pa kann auf ein sehr rei­ches Erbe des tra­di­tio­nel­len Städ­te­baus zurück­bli­cken, ein Erbe, das aller­dings etwas in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist. Die­se Geschich­te muss erst wie­der in ihrer gan­zen Dimen­si­on ent­deckt wer­den. Zwei bedeu­ten­de Jubi­lä­en im Jah­re 2003 unter­strei­chen die Span­ne, in der sich der euro­päi­sche Städ­te­bau bereits um 1900 ent­fal­te­te: der 100. Todes­tag von Camil­lo Sit­te und der 100. Geburts­tag der ers­ten Gar­ten­stadt Letch­wor­th. Sit­te steht für die Reha­bi­li­tie­rung der mit­tel­al­ter­li­chen und baro­cken Stadt sowie für städ­te­bau­li­che Qua­li­tät in der kom­pak­ten Stadt und Stadt­er­wei­te­rung, Letch­wor­th steht für geplan­te qua­li­fi­zier­te Dezen­tra­li­sie­rung. Der tra­di­tio­nel­le Städ­te­bau war auch wäh­rend des 20. Jahr­hun­derts in Euro­pa immer prä­sent. Einen Höhe­punkt erreich­te er wie­der in den 1970er Jah­ren, als mit dem euro­päi­schen Denk­mal­schutz­jahr eine ein­zig­ar­ti­ge Kam­pa­gne zur Ret­tung der his­to­ri­schen Städ­te begann. Wäh­rend in den 1970er Jah­ren der Schwer­punkt auf der Erhal­tung der Städ­te lag, rück­te seit den 1980er Jah­ren die an der Tra­di­ti­on, ins­be­son­de­re am his­to­ri­schen Stadt­grund­riss ori­en­tier­te Umge­stal­tung der alten Städ­te in den Vor­der­grund. Dabei spiel­te der öffent­li­che Raum eine wich­ti­ge Rol­le – etwa in Bar­ce­lo­na und Lyon. Die Geschich­te des euro­päi­schen Städ­te­baus hat ihre Beson­der­hei­ten. Dazu gehö­ren auch die Erfah­run­gen mit den Dik­ta­tu­ren, vor allem auch in Ita­li­en und in der Sowjet­uni­on.

3. The­se
Die städ­te­bau­li­chen Erfah­run­gen in Euro­pa sind ande­re als die in den USA. Zual­ler­er­st spielt die öffent­li­che Hand in Euro­pa eine stär­ke­re Rol­le, und zum ande­ren ist der Zustand der Zen­tren der gro­ßen Stadt­re­gio­nen weni­ger dra­ma­ti­sch als oft in den USA, und die Sub­ur­ba­ni­sie­rung ist noch nicht ganz so weit fort­ge­schrit­ten. Das hat zur Fol­ge, daß das The­ma Sub­ur­ba­ni­sie­rung in Euro­pa noch nicht aus­rei­chend ver­tieft wor­den ist – wir wis­sen hier viel weni­ger über die Sub­ur­ba­ni­sie­rung und deren Fol­gen als in den USA. Das gilt auch für das The­ma „Qua­li­fi­zie­rung von Sub­ur­bia“. Auf der ande­ren Sei­te ken­nen wir seit den 1970er Jah­ren eine brei­te Palet­te an Pro­jek­ten der Erhal­tung und des Umbaus der kom­pak­ten Stadt sowie der Kon­ver­si­on nicht mehr gebrauch­ter Indus­trie-, Hafen-, Bahn- und Mili­tär­flä­chen. Hier liegt zwei­fels­oh­ne ein grö­ße­rer Erfah­rungs­schatz vor als in den USA, der aber nicht sys­te­ma­ti­sch auf­ge­ar­bei­tet und ver­brei­tet ist.

4. The­se:
In Euro­pa gibt es kein Netz­werk, das nur annä­hernd den Netz­wer­ken in den USA (New Urba­nism, Smart Grow­th usw.) gleicht. In Euro­pa gibt es sehr iso­lier­te Zir­kel, die sich mit Städ­te­bau beschäf­ti­gen. Die­se Zir­kel lie­fern oft sehr wich­ti­ge Bei­trä­ge, die aber auf­grund der Iso­la­ti­on nur begrenzt Wir­kung zei­gen. Es gibt räum­li­ch iso­lier­te Dis­kur­se, es gibt the­ma­ti­sch iso­lier­te Dis­kur­se, und es gibt dis­zi­pli­när iso­lier­te Dis­kur­se. Das ist ein Hin­ter­grund für die stra­te­gi­sche Schwä­che des EUR­ba­nism.

5. The­se:
Wich­tig für eine stra­te­gi­sche Offen­si­ve des EUR­ba­nism ist eine kla­re Unter­schei­dung von Städ­te­bau und Archi­tek­tur. Wir soll­ten uns auf einen tra­di­tio­nel­len Städ­te­bau ver­stän­di­gen und die Fra­ge der Archi­tek­tur offen las­sen – wie beim New Urba­nism in den USA. Es gibt auch – sel­te­ne – Bei­spie­le für tra­di­tio­nel­len Städ­te­bau mit moder­ner Archi­tek­tur. Sabau­dia in Ita­li­en oder Beton­dorp in den Nie­der­lan­den aus den 30er bzw. 20er Jah­ren sind hier­für posi­ti­ve Bei­spie­le. Der Vor­schlag eines auf den Städ­te­bau fixier­ten Pro­gramms bedeu­tet kei­ne Miss­ach­tung der tra­di­tio­nel­len Archi­tek­tur, im Gegen­teil: Über eine sol­che stra­te­gi­sche Ent­schei­dung wird es bes­ser mög­li­ch sein, tra­di­tio­nel­le Archi­tek­tur erfolg­reich ein­zu­brin­gen.

6. The­se:
Insti­tu­tio­nell schla­gen wir vor,

  •  eine fach­über­grei­fen­de und euro­pa­wei­te Orga­ni­sa­ti­on mit einer Art Sekre­ta­ri­at (mit Sitz viel­leicht in Brüs­sel) auf­zu­bau­en, die Archi­tek­ten, Stadt­pla­ner, Land­schafts­pla­ner, Umwelt­schüt­zer, Sozi­al­ak­ti­vis­ten, pri­va­te Inves­to­ren, Aka­de­mi­ker, Jour­na­lis­ten, Poli­ti­ker und Ver­wal­tungs­leu­te und ande­re umfasst – ana­log zum CNU und in Part­ner­schaft zu die­sem,
  • jähr­li­ch oder zwei­jähr­li­ch Kon­gres­se abzu­hal­ten,
  • ein Inter­net-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fo­rum auf­zu­bau­en und
  • mit­tel­fris­tig eine Zeit­schrift auf euro­päi­scher Ebe­ne auf­zu­bau­en.

Damit kann eine Basis geschaf­fen wer­den für einen trans­at­lan­ti­schen Aus­tau­sch über Städ­te­bau. Ziel ist eine dem CNU ähn­li­che Bewe­gung mit einem Pro­gramm, das vie­le Men­schen anspricht, denen die Qua­li­fi­zie­rung der euro­päi­schen Stadt am Her­zen liegt. Eine Bewe­gung, die aus den jewei­li­gen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten kommt, die kul­tu­rel­len Eigen­ar­ten erhält und dabei sehr eng koope­riert.

Berlin/Dessau, 4. Febru­ar 2003

Anmer­kung:
Der Vor­schlag, die­se Initia­ti­ve für eine euro­päi­sche Bewe­gung EUROBANISM zu nen­nen, stammt von Harald Boden­schatz.

 

Literatur

Boden­schatz, Harald (2000): New Urba­nism – Die Neu­erfin­dung der Ame­ri­ka­ni­schen Stadt, in: Stadt­bau­welt 145, S. 22–31

Boden­schatz, Harald/Kegler, Harald (2000): Städ­te­bau­re­form auf Ame­ri­ka­ni­sch: Pro­jek­te des New Urba­nism, in: Stadt­bau­welt 145, S. 42–59

Boden­schatz, Harald (2003): Fun­dus am Tache­les, in: Bau­welt 8/2003, S. 18–21

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Cal­t­horp, Peter/Fulton, Wil­liam (2001): The Regio­nal City, Washing­ton

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Duany, Andres/Plater-Zyberk, Elitha­be­th (1992): Towns and Town – Making Prin­zi­ples, New York

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Hol­zer, Lutz (1996): Stadt­land USA: Die Kul­tur­land­schaft des Ame­ri­can Way of Life, Gotha

Keg­ler, Harald (1987): Die Her­aus­bil­dung der wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­plin Stadt­pla­nung, Wei­mar

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Keg­ler, Harald (2002): Char­ret­te – neue Mög­lich­kei­ten effek­ti­ver Betei­li­gung am Stadt­um­bau, in: Die Alte Stadt,4/2002, S. 299–307

Krier, Rob (2003): Town Spaces, Basel

Kunst­ler, James H. (1994): The Geo­gra­phy of Now­he­re, New York

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Mül­ler, Wolf­gang; Rohr-Zän­ker, Ruth (2001): Ame­ri­ka­ni­sie­rung der „Peri­phe­rie“ in Deutsch­land? In: Bra­ke, Klaus; Dang­s­chat, Jens; Her­fert, Gün­ter (Hg.) (2001): Sub­ur­ba­ni­sie­rung in Deutsch­land, Opla­den, S. 27–39

Sie­verts, Tho­mas (2001): Zwi­schen­stadt, Basel

Speaks, Micha­el (2002): Nie­der­län­di­sch, in: Arch+ 162, S. 64–67

Wright, Frank Lloyd (1960): Wri­tings and Buil­dings, Cleve­land

www.cnu.org
www.charrette.de
www.dr-kegler.de
www.charretteinstitute.org

 

Abbildungen

“Die Gren­ze zwi­schen Stadt und Land” – der sich aus­brei­ten­de Sprawl mit Mobi­le Homes zwi­schen Den­ver und Bol­der in Colo­ra­do (Quel­le: Natio­nal Geo­gra­phic, Nov. 1996, Washing­ton, S. 99)

Zon­ing Code – Town of Sea­si­de (Quel­le: Duany, Andres/Plater-Zyberk, Eliz­a­be­th (1992): Towns and Town Making Prin­ci­ples, New York, S. 97)

Titel­sei­te des Buches “The Sea­si­de Deba­tes – A CRITIQUE OF THE NEW URBANISM“, 2002

Plan von “Hai­le Vil­la­ge Cen­ter” (Quel­le: Begleit­ma­te­ri­al zum X. CNU-Kon­gress, Mia­mi, 2002)

(sie­he CD-Rom: „Die Gren­zen …“ – A 2; Zon­ing Code – A 3; Titel­sei­te … – A 1, Plan Hai­le … – 1)

Autor
Harald Keg­ler ist Stadt- und Regio­nal­pla­ner, Gast­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Miami/Florida und Inha­ber des Büros Labor für Regio­nal­pla­nung, Luther­stadt Wittenberg/Dessau

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